Nach dem schlesischen Glashütten-Märchen der zweite Beitrag des Deutschen Fernsehens zum Gerhart-Hauptmann-Gedenkjahr: „Der Biberpelz“ und „Roter Hahn“, als Fortsetzung in annähernder Vollständigkeit gebracht, inszeniert von John Olden. Das Festhalten an beiden Stücken ist kühn und ungewöhnlich; abgesehen von Brecht-Monks Berliner Fassung (die aber beide Stücke zu einem Abend zusammenstrich) ist ein irgend bedeutsamer Versuch in dieser Richtung seit langem nicht gemacht worden. Oldens Unternehmung war deshalb – um das einmal vorwegzunehmen – hochinteressant, womit die Wiederbelebung des „Roten Hahns“ im besonderen, die Zuwendung zum vergessenen Hauptmann im allgemeinen gemeint ist.

Die Ansage des NDR versicherte in herausfordernder Kühnheit, daß der „Rote Hahn zu Unrecht viel zu selten gespielt werde. Schon gut, weshalb aber? Weil der „Rote Hahn“ ein sehr gutes, ein höchst dramatisches, ein poetisches, gewinnendes Stück sei? Die Behauptung würde Deutschlands Theaterleitern tumben Unverstand bescheinigen, denn niemand spielt die Sache.

Sie ist, natürlich, für sich genommen auch kaum spielbar, sie lebt vom vorausgegangenen Teil, dessen herausgezogene, konturlose letzte Szene diese langen Akte gleichsam sind. Der Prozeß, der mit dem Holzdiebstahl begann und in der Entwendung des Pelzes seinen Kleistschen Lustspieleffekt hatte, kommt zum voraussehbaren Ende: zur vollkommenen Charakter-Deformation, zum offen Asozialen, zum Widermoralischen.

Damit ist gesagt, daß im Auftakt des „Biberpelzes“ der Ausgang des „Roten Hanns“ mitinszeniert werden muß, niemals und nirgendwo darf lachend-sympathievolles Mitgefühl aufkommen: Die komödienhafte Bauernschläue von Mütter Wolffen muß düster unterlegt sein, die gefährlichärgerliche Menschenfeindschaft von Frau Fielitz muß die verzeihende Nachsicht wecken, die man dem Geschöpf düsterer Verhältnisse zuwendet. Die raffgierige, bedenkenlose Sterbende der letzten Viertelstunde ist ja die Gutmütig-Mütterliche der ersten fünf Minuten noch einmal, der soziale Krankheitsprozeß hat sein Werk getan. In diese Richtung hat Brecht gedacht, als er sein (theoretisch ausführlich begründetes) Umschreibungswerk begann. Mutter Wolffen als Gegenstück zur Mutter Courage, beide in aller Bedenkenlosigkeit nicht verwerflich, beide aber auch auf keinen Fall und in keinem Moment zum Beifall herausfordernd, die schauspielerischen Konsequenzen für die Darstellerin der Mutter Wolff sind offenkundig. Hier sind nicht zwei Stücke zu spielen, sondern ein einziges, wobei an beiden retuschiert werden mußte.

Auch Olden hat das Stück kräftig bearbeitet, die Nebenstränge wurden gestutzt, die Gestalten der Töchter etwa treten zurück. Weshalb aber fiel auch alles Politisch-Soziale, warum die weitgehende Demontage der Gegentypen, des Liberalen Fleischer, des Sozialdemokraten Rauchhaupt? Olden spielt zwei durch identische-Personen zusammengehaltene Stücke, nicht eine Tragikomödie in zwei Abschnitten: Er spielt eine deftige Diebskomödie mit einer Bombenrolle (den konventionellen „Biberpelz“ des deutschen Bürgertheaters), und er spielt eine mehr an Horvath erinnernde Zustandsschilderung zwei Tage später.

Die verschmitzte Diebin des ersten Teils weckt Gelächter und Wohlwollen, die bösartige Kriminelle des zweiten provoziert Abneigung und Ungeduld: Das Schlüsselwort des „Roten Hahns“ „da heeßt’s immer: gutt sein. Wie fängt ma’s ock an? Uffbegehrt ha ich, das is wahr“ steht ohne jede Beziehung zum saftigen Spaß des „Biberpelz“, den Schröder durch ein genialisches Chargieren und Olden durch Staudte-Imitationen in Sterrheim-Heinrich-Mannsche Bereiche hinüberspiel:.

Die Inszenierung ist so auf eine sehr subtile Weise gescheitert: Olden hat nicht gesehen, daß man die ersten drei Stunden nicht als herkömmlichen Mordsjux geben kann, wenn man die letzten drei Stunden auch noch gibt, daß man den „Biberpelz“ dann anders als üblich inszenieren muß, wenn man den „Roten Hahn“ mitinszeniert – wenn die letzte Szene nämlich nicht der Spaß über ein entwendetes Kleidungsstück, sondern der moralische und physische Tod ist. Der schauspielerische Gewinn des Ereignisses war Rudolf Platte. lupus