G. Z., Frankfurt

Die Mannschaft des Polizeistreifenwagens F 7155, der an der Ecke Königslacher-Goldammer-Straße in Frankfurt/Niederrad parkt, langweilt sich. Die beiden Beamten kümmern sich kaum darum, daß sie im Kalten Krieg zwischen Ost und West in vorderster Front Stellung bezogen haben. Mißmutig beobachten sie die feldmarschmäßig ausgerüsteten US-Soldaten, die etwa hundert Meter von ihnen entfernt vor einer Toreinfahrt patroullieren, wo eine großes Schild warnt: „Exterritorial. Eintritt verboten ohne Erlaubnis des Chefs der sowjetischen Militärmission. Akkreditiert beim Oberbefehlshaber der US-Armee Europa.“

Seit einer Woche genießen die Sowjets in Niederrad den „besonderen Schutz“ der amerikanischen Armee. Den Hausarrest verdanken sie ihren Genossen von der Volkspolizei. Am 20. März stoppten in der Nähe von Gotha Volkspolizisten ein Fahrzeug der in Potsdam stationierten US-Militärmission. Der amerikanische Offizier jedoch lehnte es ab, den Vopos seinen Ausweis zu zeigen. Wenn schon Kontrolle, dann nur von den zuständigen Rotarmisten, lautete seine Antwort. Als man sich auf dieser Basis nicht einigen konnte, machten die Amerikaner der Debatte kurzerhand ein Ende: Sie fuhren auf und davon. Schüsse peitschten, der Wagen wurde getroffen, die Insassen blieben unverletzt.

Der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Europa, General Clarke, protestierte. Sein Kollege auf der anderen Seite, der Oberbefehlshaber der sowjetischen Streitkräfte in der DDR, Marschall Konjew, antwortete: „Die Amerikaner haben die DDR-Verkehrsvorschriften mißachtet.“ Mit dieser Antwort war man im Heidelberger Hauptquartier ganz und gar nicht zufrieden, und wenig später fuhren amerikanische Polizeifahrzeuge in die stille Niederrader Goldammerstraße ein und verriegelten mit einem Schloß das Tor des „Frankfurter Kreml“. Ohne US-Begleitung dürfen seitdem die Sowjets ihren Dienstsitz nicht mehr verlassen. Die Sowjets reagierten prompt: Sie stellten nun auch die US-Mission in Potsdam unter Hausarrest.

Die Militärmissionen auf deutschem Boden sind ein Relikt aus jenen Tagen, da sich die Alliierten besser verstanden als heute. Die vier Oberbefehlshaber der vier Besatzungsmächte, Marschall Sokolowski, General Clay, Sir Sholto Douglas und General Koenig, schlossen im Frühjahr 1947 ein Abkommen über den Austausch von Militärmissionen. An den Standorten der Oberkommandos sollten sie die Funktion bloßer Kontaktstellen übernehmen. Je angespannter das Verhältnis Ost-West wurde, desto mehr verlagerte sich indes ihr Aufgabengebiet auf die Beobachtung des militärischen Potentials der „Umgebung“.

Das aber führte dazu, daß sich die jeweiligen Gastgeber ständig ärgern mußten. Wie in Potsdam, dem Sitz der westlichen Missionen, so war man natürlich auch in Frankfurt/Niederrad, der „zweiten Heimat“ der Russen, bemüht, die Gäste – etwa 30 Offiziere, Soldaten, Frauen und Kinder – sorgsam zu „beschützen“. Den sowjetischen „Außendienst“, der bei seinen Ausflügen „zufällig“ immer wieder in die Nähe von militärischen Manövern geriet, unter Kontrolle zu halten, bereitet den Amerikanern oft Kummer. Bei aller zugestandenen Freizügigkeit mußten sie sich schließlich doch für die Lieblingsziele der schnellen Wagen mit dem Kennzeichen „Soviet Military Mission USAREUR“ interessieren. Solche Spazierfahrten in Manövergebieten endeten gelegentlich mit unliebsamen Überraschungen: So wurde einmal der Verbindungsoffizier der sowjetischen Militärmission, Oberst Michail Tschernikow, kurz entschlossen von amerikanischer Militärpolizei in einem Sperrbezirk bei Wertheim festgenommen.

Die Anwohner der stillen Königslacher Straße hatten zudem häufig Gelegenheit, Augenzeugen der merkwürdigsten Katz-und-Maus-Spiele zwischen den Gästen und ihren Gastgebern zu sein: Es war Winter, und wie immer zur Manöverzeit, parkte eine unauffällige Limousine vor der Sowjetenklave. Weil es grimmig kalt war, ließ man den Motor laufen. Mit stillem Vergnügen beobachteten die Sowjets stundenlang hinter den Gardinen den „Wachhund“ und rechneten sich aus, wie lange der Benzinvorrat der Beschatter wohl noch ausreichen würde. Nach einigen Stunden glaubte man sicher zu sein, daß der Wagen vor dem Tor für längere Verfolgungsjagten nicht mehr einsatzfähig war. In diesem Augenblick ließen die Sowjetoffiziere ihre Wagen vorfahren und wagten dann unter Mißachtung jeder Verkehrsregel einen Alarmstart durch Niederrad.