Vor zwanzig Jahren schrie der Ankläger: „Die Juden sind unser Unglück!“

W. K., München

Der Richter sagte: „Die einzig mögliche Antwort auf den frivolen Angriff des Angeklagten gegen das deutsche Blut, die deutsche Ehre und den Leib der deutschen Frau ist die Todesstrafe.“

Der Richter hieß Dr. Max Rothaug. Er war der Vorsitzende des Sondergerichts in Nürnberg. Als er das Urteil fällte, schrieb man den 13. März 1942. Heute bezieht er eine Beamtenpension.

Vor ihm hatte 1942 der Jude Leo Katzenberger gestanden, 69 Jahre alt, Kaufmann von Beruf. Gefesselt. Der Schuhwarenhändler, der verheiratet war und zwei erwachsene Söhne hatte, gehörte vor 1933 zum Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde von Nürnberg und war einer der angesehensten Bürger der alten Reichsstadt. Sein Verbrechen lautete: Rassenschande mit der 32 Jahre alten Photographin Irene Seiler, deren Mann zur „Tatzeit“ bei der Wehrmacht war. Sie wohnte in Katzenbergers Haus am Spittlergraben 19. Auch sie war angeklagt, wegen Zeugenmeineids.

Daß Katzenberger vor dem Sondergericht stand, verdankte er einem Geschwätz seiner Mieter. „Der alte Jude treibt es schon seit Jahren mit der Seiler. Mit Geld, Zigaretten und langfristiger Stundung der Miete hat er sie sich gefügig gemacht.“ Manche wollten sogar gesehen haben, daß er sie küßte.

So wurde Katzenberger im Frühjahr 1941 verhaftet. Er bestritt nicht, daß Irene Seiler ihn wiederholt in seinem Büro aufgesucht hatte. Aber er – und auch sie – bestritt, daß zwischen ihnen mehr als Freundschaft war. „Ich habe ihrem Vater versprechen müssen, daß ich ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen werde. Das habe ich getan“, sagte Katzenberger in seiner Vernehmung.