Donaustauf

Zwischen einem Gesangsvortrag der Regensburger Domspatzen und weiteren. musikalischen Darbietungen wird Bayerns Kultusminister Maunz die Büste des Hygienikers Max Pettenkofer enthüllen – in der Walhalla bei Donaustauf. Der genaue Termin steht noch aus; die Feier sollte bereits 1961 stattfinden, aber der Marmorkopf war nicht rechtzeitig fertig geworden. Auf jeden Fall will der Minister die Prozedur spätestens im Sommer dieses Jahres vollzogen wissen, denn auch der Dichter Jean Paul wartet schon lange genug.

Jean Paul nämlich hat jüngst einen bedeutenden Fürsprecher bekommen: Professor Heuss schrieb dem Bürgermeister von Wunsiedel, er setze sich für die Aufnahme einer Büste des Dichters in die Walhalla ein. Damit sind die Chancen des 1763 in Wunsiedel geborenen Idyllikers mächtig gestiegen, wenngleich noch keineswegs sicher ist, daß er Pettenkofer unmittelbar nachfolgen darf. So gern Heuss hätte, daß der Dichter zu seinem zweihundertsten Geburtstag in den Tempel über der Donau einzieht – auch hinter anderen verstorbenen Heroen der deutschen Geistesgeschichte stehen Gönner und finanzielle potente Gesellschaften.

In die Walhalla zu gelangen ist heute merkwürdigerweise lediglich eine Frage von Beziehungen und Bargeld. Für die Verewigung des Würdigen in Carrara-Marmor müssen 10 000 Mark vorhanden sein; außerdem bedarf es mindestens eines Vereins, der für den nötigen Nachdruck im bayerischen Kultusministerium sorgt. Mit Jean Paul konkurrieren denn auch derart unterschiedliche Männer wie Jakob Fugger, der Musiker Orlando di Lasso und der Stenograph Gabelsberger.

Die Entscheidung darüber, wer als nächster unter die „rühmlich ausgezeichneten Teutschen“ – so König Ludwig I. – eingereiht zu werden verdient, liegt beim bayerischen Ministerrat, der sich von den verschiedenen einheimischen Akademien beraten läßt. Weitaus die Mehrzahl der Walhalla-Büsten ist allerdings nicht unter demokratischen Verhältnissen entstanden: Ludwig I. bestimmte persönlich – und zahlte auch aus eigener Tasche.

Der romantische König erließ 1814 einen Aufruf an die deutschen Architekten, sie möchten Entwürfe für einen Ehrentempel einreichen. Seine Wahl fiel schließlich auf Klenzes dorischen Bau, der 1842 eröffnet wurde, und zwar von Ludwig I., der damals verkündete: „Möchte Walhalla förderlich sein der Erstarkung und Vermehrung deutschen Sinnes!“ Dann füllte der König seinen Tempel mit Büsten und Ehrentafeln.

Der Geschmack des Monarchen war der Geschmack jener Zeit: Eine Unmenge von Germanenkönigen bilden das historische Fundament, es folgt eine Serie deutscher Kaiser. Die Herren sind im Porträt nur dann wiedergegeben, wenn ihre äußere Erscheinung damals bekannt war, anderenfalls, künden Gedenktafeln von ihren Taten. Auch Gestalten wie „Der Dichter des Niebelungenliedes“ oder „Der Baumeister des Kölner Domes“ werden per Tafel vorgestellt, ebenso „Die drei Männer von Rütli, gest. nach 1307; Walter Fürst aus Schwyz, Werner Stauffacher aus Uri und Arnold von Melchthal aus Unterwalden.“

Ludwig I. war, was die deutsche Gesinnung anbelangt, alles andere als kleinlich. Die Walhalla birgt Schweizer Patrioten, englische Könige, flämische Maler, österreichische Staatsmänner und russische Generäle. Nach den deutschen Kaisern verbreitert sich die Skala der erkorenen Persönlichkeiten rapide. Es fehlen weder ausländische Äbtissinnen und Bischöfe noch der Schweizer Einsiedler Nikolaus von Flüe; und auch Karl X. von Schweden, Katharina II. von Rußland und Wilhelm III. von Oranien blicken den ehrfurchtsvollen Besucher mit abweisendem Ernst an.

Der König plazierte Rubens, van Dyck und Syndets, nicht aber Rambrandt, wie überhaupt sein Ausleseprinzip nachdenklich stimmen mag Nur Dürer und Wilhelm von Köln vertreten – neben den Flamen van Eyck und Memling – die Malerei bis zur Reformation. Die bildende Kunst zwischen 1650 und 1800 repräsentier: ausschließlich, jedenfalls für den deutschen Bereich Raphael Mengs. Ähnlich waltete der Monarch auf allen anderen Gebieten: „Otto de Guericke, Erfinder der Luftpumpe“, steht für die gesamte Technik über einen Zeitraum von 150 Jahren, vor ihm „Peter Henlein, Erfinder der Taschenuhren“, ebenfalls über 150 Jahre, nach ihm aber niemand mehr.

Die Bilanz umfaßte schließlich 101 Büsten und 66 Namenstafeln, gruppiert inmitten von marmornen Säulen, marmornen Walküren und marmornen Friesen mit Wiedergaben aus der germanischen Geschichte. Dann verfaßte der König ein Testament, in dem er die Walhalla Deutschland vermachte. Deutschland aber zeigte an dem Marmorpanoptikum kein rechtes Interesse; der bayerische Staat erklärte – entgegen dem königlicher. Wunsch – die Walhalla zu seinem Eigentum und komplettierte den vorhandenen Bestand bis 1933 um ein halbes Dutzend Büsten.

Die Nationalsozialisten entdeckten schaudernd; daß leibhaftige Judenstämmlinge den deutschen Ehren tempel verunzierten; aber die geplante Arisierung der Walhalla wurde immer wieder verschoben, bis es zu spät war. 1937 brachten sie eine Büste Anton Bruckners unter, ansonsten jedoch ließen sie ihre Finger von der Walhalla, und 1945 konnte Bayerns Kultusminister Bau und Inhalt unversehrt übernehmen.

Mittlerweile war die Walhalla eine Art Privatmuseum Ludwig I. geworden, ein Monument der Vergangenheit, kurios zu betrachten, aber alles in allem doch verstaubt. Die Bayern freilich empfanden anders und setzten noch im Jahre der Währungsreform eine Reger-Büste hinein, und von nun an ging es Schlag auf Schlag weiter bis zu Pettenkofer, nach Gesichtspunkten, über die ein Außenstehender keinen rechten Überblick zu gewinnen vermag.

In einem allerdings bewahrt der bayerische Staat den Respekt vor dem Vergangenen: Es werden keinerlei Korrekturen vorgenommen. Die Inschriften enthalten zahlreiche Fehler; nicht jeder Besucher kommt beispielsweise darauf, wer mit „Joseph Heiden, Doktor der Tonkunst“ gemeint ist. Aber abgesehen von der altertümlichen Rechtschreibung stimmen häufig Jahreszahlen und historische Angaben, die man vor hundert Jahren nicht besser wußte, heute nicht mehr; sie anzutasten gilt indes als pietätlos.

Die „Übung“ verlangt, daß die neuen Büsten in jenem Stil gehauen werden, der zu Ludwigs Zeiten üblich, war. Als 1954 Adalbert Stifter nicht gerade modern, aber auch nicht mehr unbedingt „klassisch“ ausfiel, erhob sich im ganzen Lande Protestgeschrei. Über diese „Übung“ ist im bayerischen Kultusministerium lediglich zu erfahren, daß pro Jahr höchstens eine Büste aufgestellt werden soll, aus Carrara-Marmor, geschaffen von einem angesehenen Künstler, bezahlt von den Förderern des Walhalla-Novizen. Wer – jedenfalls nach dem letzten Kriege – diese „Übung“ erfunden hat, wird nicht bekanntgegeben.

Bekannt ist nur, daß die Walhalla für den bayerischen Staat ein gutes Geschäft darstellt. Weit über 100 000 Touristen schlurfen alljährlich in Filzpantoffeln durch die kalte Pracht und entziffern die verschnörkelten Formulierungen Ludwig I., mit denen der König seine Würdigen feierte. So zahlt sich der Germanenkult angenehm aus, und lediglich ein einziger Schönheitsfehler stört das Kultusministerium: Wenn der Minister die Büsten enthüllt und dazu feierliche Worte spricht, schallt ungeheures Echo zurück: Die Marmor-Akustik ist miserabel.

Otto von Loewenstern