Aus der Schule plaudern“ – das galt früher als unfein, wenn nicht gar als unrecht. Man hat es alle Zeit für besser gehalten, der Schule „kräftig dreinzureden“. So auch jetzt: Man macht ihr Vorwürfe und gibt Ratschläge, und überhaupt redet hier jeder unbefangen mit, denn jeder ist schließlich zur Schule gegangen oder seine Kinder tun es gerade, und so weiß er es ja „aus eigener Erfahrung ...“ Die Berufsverbände und die Universitäten haben ihre berechtigten Forderungen, die Parteien pochen auf dieses oder jenes öffentliche Interesse, die Kirchen und Gewerkschaften erheben Einspruch, die Elternbeiräte und Philologenverbände ... und schon ist aus der Schule ein „Politikum“ geworden (was sie sein sollte), jedoch dritten oder vierten Ranges (was sie nicht sein sollte), ein Zankapfel also, ein bloßes Objekt der Politik – statt ihr gemeinsames Subjekt.

Der Grund hierfür liegt darin, daß man vor lauter Fachproblemen gar nicht mehr recht weiß, was Schule eigentlich ist. Ja, was ist Schule.

„Non scholae sed vitae discimus“ – der Gebildete versteht das ohne Übersetzung und freut sich daran; er weiß vielleicht auch, daß dieses Wort im 106. Brief des Seneca steht, wo es eigentlich umgekehrt heißt: non vitae sed scholae discimus – leider! Die Wahrheit freilich, daß wir für das Leben Schule treiben und nicht für die Schule leben, hängt davon nicht ab. Und eben die Differenz zwischen der jederzeit erfahrbaren Wahrheit und dem hinzugekommenen Wissen macht die „Bildung“, aus. Bildung aber ist das Hauptgeschäft unserer Schule.

Fragt man einen Bürger heute nach der „Schule“, dann ist sie ihm a) das rote Gebäude in der X-Straße und b) eine Einrichtung, in der man eine Reihe von Dingen treibt, die ohne sie in der Welt nicht (oder nicht mehr) vorkämen. Und dann gehen auf die Schule die Vorwürfe nieder, entweder: sie sei hoffnungslos wirklichkeitsfremd und bereite nicht auf das vor, was das Leben fordere; oder: sie schiele leider zu sehr nach dem pragmatischen Nutzen und halte die Bildungsideale nicht hoch, die allein das Leben lebenswert machten.

Die Menschen brauchen „Schule“, wenn das Leben selbst das Leben nicht mehr lehrt und nicht mehr deutet. Ein Beispiel: Ein Knabe im Athen des 6. Jahrhunderts v. Chr. lernte alles, was er zum Leben brauchte, auf der Straße: welche Berufe es gab, in welchem Ansehen sie standen, wie ertragreich oder mühsam sie waren, welche Materialien, Einrichtungen und Kenntnisse sie erforderten und nach welchen Maßstäben ihre Produkte beurteilt wurden. Dadurch lernte er nicht diese Berufe, aber er lernte sinnvoll unter ihnen den zu wählen, den er ausüben wollte.

Er sah auf dem Markt, was und wie gehandelt wurde. In der Volksversammlung erlebte er, wie politische Entscheidungen getroffen wurden und um welche Grundsätze es dabei ging. Er nahm am religiösen Leben der Stadt teil, an den Prozessionen, Dichterlesungen, Kampfspielen; er sah im Theater die Selbstdeutung des Menschen in seinem Verhältnis zu den Göttern. Er wurde von den Männern ins Gespräch und (im Gymnasium) in die Freuden ihrer Freizeit einbezogen. Er bekam eine militärische Ausbildung und war erwachsen in dem Augenblick, in dem seine Beteiligung aus dem Spiel in den Ernst überging: Es war nur ein Wechsel der Methoden. Alles weitere eignete er sich in der Ausübung an, und wenn ein Lehrer etwas zu lehren hatte, dann waren es „Fertigkeiten“ wie Lesen und Schreiben und die Kunst des Vortrags.

Ein anderes Beispiel: Im Jahre 1918 bezog der sowjetische Pädagoge Makarenko mit einer Gruppe von acht jugendlichen Verbrechern eine abgelegene ehemals zaristische Baracke, in der es nichts gab als eine Axt, mit der sie sich gegenseitig totschlagen konnten. Sie haben sich nicht totgeschlagen, weil sie sich gegenseitig brauchten; die Wirklichkeit hat sie den Wert von Gemeinschaft, Ordnung, Redlichkeit, Verantwortung, Opfersinn und Wagnis gelehrt, und was ihnen der Pädagoge „beibringen“ mußte, waren die Handwerke, die Technik der Arbeit, die Kenntnis von der Welt, in der sie lebten, ohne sie erfahren zu können.