Von Golo Mann

Rapallo – wer den Namen des italienischen Badeortes ausspricht, kann verschiedene Dinge meinen. Es gibt den Vertrag selber, ein nüchternes Dokument von scharf begrenzter Bedeutung, welches das längst in Gang befindliche Geschäft einer Normalisierung der deutsch-russischen Beziehungen erfolgreich beendete. Es gibt den Mythos, der sich alsbald über dem Vertrag vernebelnd erhob: von Anfang an traute man ihm in London und Paris einen geheimen Neben- oder Hauptzweck zu, den er nicht hatte. Es gibt die Verhältnisse zwischen der Weimarer Republik und der neuen Sowjet-Union in den folgenden zehn Jahren: zuerst von Rapallo geprägt und im Grund sich nie wesentlich darüber hinaus entwickelnd. Schließlich gibt es einen vagen Gedankenkomplex, der von der bloßen Normalisierung zu einer "Allianz der beiden Parias", zur antiwestlichen oder antipolnischen Verschwörung, und der chronologisch vom Rückversicherungsvertrag über Brest und Rapallo bis zum Stalin-Hitler-Pakt reicht. Mit so lose konstruierten Begriffen ist wenig anzufangen.

Über das wahre Rapallo sind neuerdings zahlreiche Dokumente, hauptsächlich aus den Papieren Stresemanns und Brockdorff-Rantzaus, ans Licht gekommen und interpretiert worden. Das Ergebnis ist nicht sensationell. Jene, die es dazu machen wollten, jene, die in "Rapallo" schon den Vorläufer des Stalin-Hitler-Paktes sehen wollten, sind uns den Beweis schuldig geblieben.

Das ist kein Wunder. Moderne Außenpolitik findet in der Öffentlichkeit statt und ist an ihren Früchten zu erkennen. Verschwörungen, die nie über gesprochene Worte oder beschriebenes Papier hinausgerieten, wiegen leicht, verglichen mit dem, was wirklich getan wurde. Weshalb denn auch der erfahrene, ein wenig mit Intuition begabte Journalist meist das Eigentliche über die Politik der Zeit weiß, lange bevor die Archive sich öffnen. Daß die Weimarer Republik nie zwischen Rußland und dem Westen "optierte", daß sie im Grund auch nie vor einer solchen Wahl stand, daß sie ihre mageren Gewinne nahm, wo sie sie fand, und, alles in allem, mehr von ihnen im Westen fand als im Osten, war längst bekannt. Die Dokumente haben es bestätigt. Sie geben den Eindruck von einer vorsichtig und kompetent geführten, dem großen Wagnis und der apokalyptischen Wahl entschieden abholden Politik.

Deutschland war damals ein zum Teil von den Siegermächten besetzter, unkräftiger, zu großartigen diplomatischen Abenteuern nicht fähiger Staat. Es war gleichzeitig etwas, was es im heutigen Europa nicht mehr gibt: ein wohl oder übel auf sich gestellter, selbständiger, sich frei bewegender Staat. Das war es, weil die anderen europäischen Staaten, "Großmächte" genannt, es auch waren, weil das alte europäische Staatensystem im Ersten Weltkrieg innerlich gebrochen, nach außen hin aber noch einmal hergestellt worden war oder hergestellt zu sein glaubte. Daß Deutschland in den zwanziger Jahren manöverierte, balancierte, "finassierte", gereicht ihm nicht zum Tadel: das mußte es tun, weil die anderen es auch taten und ihm die Hand zu neuen, zeitgemäßeren europäischen Lösungen ernsthaft nicht boten.

Der Vertrag von Rapallo gehörte in dieses Spiel. Er führte das bolschewistische Rußland in den Umkreis deutscher politischer Möglichkeiten wieder ein; nicht mehr als ein Kriegs-Instrument und Opfer des deutschen Imperialismus wie 1918, sondern als einen halbwegs ebenbürtigen Partner. Halbwegs ebenbürtig – die Sowjet-Union war eher noch schwächer als Deutschland und eher noch gefährdeter, und jedenfalls war sie und blieb sie noch lange Zeit der werbende Teil. Häufig ist damals ein russischer Außenminister nach Berlin geeilt, niemals, vor 1939, ein deutscher nach Moskau. Schon diese Schwäche Rußlands verbietet es, für die zwanziger Jahre von einer erfolgten oder möglichen deutschen "Option für den Osten" zu sprechen.

Der Vertrag von Rapallo, der Deutschland größere Freiheit des Manöverierens gab, der, wie im Reichstag gerühmt wurde, seine Politik zum ersten Male wieder "aktivierte", machte Rußland wieder zu dem, was es in den vorhergehenden Jahren nicht gewesen war, zu einem Mitglied des europäischen Staatensystems; zu nichts weiterem.