Von Robert Jungk

Wer das erschütternde Tatsachen-Panorama überschaut, das der Detmolder Chefarzt Bodo von Manstein unter dem Titel „Im Würgegriff des Fortschritts“ der Öffentlichkeit präsentierte oder wer die Arbeiten von Günther Anders liest, der kann sich dem Eindruck nicht entziehen, daß der Konflikt zwischen dem Menschen und den von ihm geschaffenen Maschinen schon zugunsten der Letzteren entschieden sei, daß die große Gleichschaltung des „homo faber“ bereits Tatsache ist oder zumindest aus den Entwicklungstendenzen einer sich immer weiter perfektionierenden Technik mit Gewißheit abzulesen sei.

Nun unterschätzen diese ehrlich besorgten Verteidiger des Humanen vermutlich die Fähigkeit des Menschen, auf erhöhte Gefahren stets mit erhöhter geistiger Aktivität zu reagieren. Mir scheint, daß die durch Erfindungen ihres eigenen Intellekts tödlich bedrohte Menschheit zur Zeit dabei ist, sich gegen diese zweite artifizierte Natur, die aus ihren Studierstuben, Laboratorien und Werkstätten entsprang, zu wappnen; mehr noch: die fremde und in vieler Hinsicht un- und übermenschliche Welt der Geräte und Produkte zu vermenschlichen und dadurch zu bändigen.

Wegbereiter solcher Wende gibt es bereits sehr viele. Sie sind freilich isoliert und wissen wohl selbst noch nicht, daß hier an verschiedensten Stellen der „Zeitgeist“ begonnen hat, ein neues Gewand zu weben, das erst in einigen Jahren „modisch“ werden dürfte. Beispiel: der Brief eines bekannten englischen Kybernetikers, den die amerikanische Fachzeitschrift „Electronics“ in einer ihrer letzten Nummern veröffentlichte. Dort heißt es unter anderem:

„Merkwürdigerweise ist die Ordnung, die wir unserer Umwelt aufprägen, obwohl wir deren Organisation doch selbst bestimmen, kein Ebenbild unseres eigenen Organismus. Wir werden von Konventionen geleitet, die auf Beständigkeit und Wiederholbarkeit hinzielen und Prozesse hervorbringen, die man dann so leicht beschreiben oder in Büchern festlegen kann. So werden unsere Werkzeuge mechanistisch und unsere Gesetze geben sich absolut Zwischen uns und unserer Umwelt aber entsteht eine Kluft. Wir sprechen mit unseren Maschinen in einer anderen Sprache. Bis vor kurzem war es noch möglich, diese Kluft zu tolerieren, aber heute ... können wir uns nicht länger der Wahrheit verschließen, daß im Idealfall die menschengemachte Umwelt eine Verlängerung jenes Organismus sein soll, der Mensch heißt. Die Maschinen, die wir brauchen, müssen daher nach einem biologischen Entwurf gebaut sein ... Unsere Welt muß eine viel biologischere Struktur bekommen.“

Ob die Herausgeber von „Electronics“, die diesen Brief im Rahmen einer vierteiligen Artikelserie über Bionik, das neue Grenzgebiet zwischen Biologie und Physik, veröffentlichten, sich sowohl im klaren darüber waren, wie revolutionär die Ansichten dieses Briefschreibers sind? Bisher hatten die „Bioniker“ wohl nur daran gedacht, das Instrumentarium der Naturausbeutung zu vervollkommnen durch die elektronische Imitation tierischer Wahrnehmungs- und Sinnesorgane – des Froschauges zum Beispiel oder der Hörnerven von Tiefseefischen –, die unseren sensitivsten Geräten weit überlegen sind. Doch diese Mitteilung aus England geht ja viel weiter: Sie spricht nicht von technisch vollkommeneren, sondern von menschenähnlicheren, menschennäheren Mechanismen.

Das mag der Beginn einer ganz anderen, nicht einmal unbedingt leistungsfähigeren, aber dem Menschen weniger feindlichen, weil ihm verwandten Technik sein, etwa einer Technik ohne Lärm, ohne Giftausstreuung, ohne starren mechanischen Rhythmus. Sie wäre nicht stur an ein maschinelles Programm gebunden, sondern könnte sich selbst abschalten und sich den wechselnden Gegebenheiten wie ein lebender Organismus anpassen – eine „lebendige“ Technik.

Daß der Briefschreiber sich durchaus in solchen weitreichenden, umwälzenden Gedankengängen bewegt, kann ich auf Grund einer persönlichen Begegnung mit ihm bestätigen. Er heißt Gordon Pask, lebt in Richmond, einem Londoner Vorort, und denkt auf seinem Dachboden, der halb einer verrauchten Philosophenkammer, halb einem elektronischen Laboratorium gleicht, über die Gerätewelt der Zukunft nach. Immerhin ist die Industrie heute so hellhörig geworden, daß sie diesen genialen Kopf nicht etwa als skurrilen Erfinder übersieht, sondern ihn mit Aufträgen geradezu bestürmt.

Wenn man Pasks Gedanken in noch weitere Ferne folgt, dann kommt man zu der Vorstellung von einer Welt, in der höher entwickelte Maschinen die niederen Apparate fast selbständig steuern, in der nicht Arbeit, sondern nur wesentliche Entscheidungen, nicht Herstellen, sondern Nachdenken die Menschen beschäftigt. In einer solchen Welt ohne Not bestimmt dann auch nicht mehr die Produktion unsere Existenz. Sie wird zur Selbstverständlichkeit wie das Wasser im Leitungshahn. Und so wenig, wie wir heute noch Kriege und Konflikte um den Besitz von Wasserstellen führen (die immerhin die Geschichte ganzer Nomadenvölker wesentlich mitbestimmten), so wenig, wird dann der Mensch von Morgen blutige Auseinandersetzungen um Territorien, Rohstofflager und Absatzmärkte als geschichtliche Antriebskraft ansehen.

Die Technik wird unerheblich, eine Selbstverständlichkeit, die zwar als Existenzgrundlage da sein muß, aber „biologisch eingeordnet“ von der Menschheit so wenig wahrgenommen wird, wie jene lebenswichtigen Vorgänge im Körper des Einzelmenschen, die nicht ständig von ihm beobachtet und reguliert zu werden brauchen, wie das Atmen, der Herzschlag, der Stoffwechsel.

Unsere heutige Welt ist noch charakterisiert durch ein unseliges Nebeneinander und Durcheinander von Mensch und Maschine. Es ließe sich denken, daß in einer solchen Epoche, da die Produktions-Maschinen nicht mehr der ständigen und direkten menschlichen Aufsicht oder Wartung bedürfen, sondern von einem weitgehend selbständig arbeitenden und entscheidenden Netz elektronischer Steuergeräte dirigiert werden, auch eine räumliche Trennung der Menschen- und Apparatewelt möglich werden könnte. Als Verbindung zwischen beiden möglicherweise weit aneinanderliegenden Welten würden Fernsprech-, Fernschreib- und Fernbildanlagen genügen. Die Wohn- und die Fabrikzone, die Lebens- und die Produktionszone würden vielleicht durch breite Grüngürtel voneinander abgeschirmt sein. Menschen hätten sie in das Reich der Maschinen nur dann zu begeben, wenn ihre elektronischen Kommandosklaven gelegentlich vor neuen Problemen ständen, die sie noch nicht lösen können. Der Mensch hätte dann gegenüber seinem in Schwierigkeiten geratenen Produktionssystem nur noch die Rolle der zur Konsultation herbeigeholter medizinischen Kapazität zu spielen, des Spezialisten, den man hinzuzieht, wem der Hausarzt nicht mehr weiter weiß.

Eine solche Evolution der Menschheit zu rein geistigen Aufgaben hin würde im Gründe der biologischen Geschichte des Einzelmenschen entsprechen. Er hat sich ja auch mehr und mehr von der physisch bestimmten Kreatur zum denkenden und formenden „Creator“ entwickelt.

Träumereien? Gewiß, aber „Vorstellungen“ sind nun einmal die Antriebsaggregate der geschichtlichen Entwicklung und konkrete Phantasie ein Brennstoff, mit dem wir geistige Beharrung und Trägheit zu überwinden vermögen. Wir können uns heute noch nicht vorstellen, daß die solide, laute, aufdringliche Generation unserer gegenwärtigen Maschinen, die plump sind wie Dinosaurier, einmal viel differenzierteren und den Vahren Bedürfnissen des Menschen immer angepaßteren Apparaten weichen. Dieser Evolutionsprozeß hat aber schon eingesetzt, und es lohnt sich, darauf hinzuweisen, daß die technischen Ungeheuer durchaus nicht noch monströser werden müssen, sondern eher dahin tendieren, immer empfindlicher, feinfühliger, wandlungsfähiger und individualisierter – kurz: menschlicher zu werden.