Richter und Angeklagte brauchen hier ein dickes Fell

W. K., München

In München steht ein Hofbräuhaus und – die Maxburg. Wer als Tourist die Sehenswürdigkeiten der Isar-Metropole betrachten will, sollte es nicht versäumen, auch diesem modernen Glaspalast sein Interesse zuzuwenden. Vielleicht erreicht er ihn in einem glückhaften Augenblick – dann nämlich, wenn gerade ein Häftling entspringt.

Das Münchener Amtsgericht residiert im Maxhaus; und allmorgendlich werden den Richtern aus einer verschlußsicheren Strafanstalt die Angeklagten zur Verhandlung vorgeführt. Unter Polizeischutz, versteht sich. Und dennoch ist gerade dies der Ort, an dem sich die Vorgeführten am leichtesten ihres Prozesses durch Flucht entziehen können.

So geschah es auch kürzlich wieder. Mit dem „Achter“ an einen anderen Häftling gefesselt, wurde der frühere Chef der verbotenen kommunistischen Jugendorganisation FDJ, Josef Angenfort, vorgeführt. Man wollte gegen ihn wegen politischer Untergrundtätigkeit verhandeln.

Der 38jährige FDJ-Chef, einst Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags, war im Juni 1955 vom 6. Strafsenat des Bundesgerichtshofes wegen „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Ein Gnadenakt des Bundespräsidenten Heuss befreite ihn Anfang 1957 aus der Strafhaft. Dieser Gnadenerweis wurde aber im vergangenen November widerrufen. Angenfort hatte sich mit drei weiteren ehemaligen Kommunisten erneut für die SED betätigt. Als er am 1. März dieses Jahres festgenommen wurde, lagen Haftbefehle von drei Staatsanwaltschaften vor.

Um ihn nun vor den Ermittlungsrichter zu bringen, wurde er vom Gefängnis Stadelheim im „Zeiserlwagen“ zur Maxburg gefahren. Bis dahin ging noch alles glatt. Angenfort wurde an einen anderen Häftling gefesselt, der begleitende Beamte ließ beide vor sich hergehen. Doch ehe sich’s der Polizist versah, hatte sich Angenfort aus seiner Fessel befreit und war verschwunden – im Menschengewühl. Denn auf dem Hof der Maxburg, über den die Gefangenen gewöhnlich zu den Amtsräumen geführt werden, drängten sich – wie immer an Vormittagen – kauflustige Münchner. Vergeblich fahndete die Polizei im ganzen Bundesgebiet nach dem entsprungenen FDJ-Chef. Angenfort gelang es, sich in die Zone durchzuschlagen.