Von Ernst Halperin

Fidel Castro hat den Leninpreis erhalten, aber noch wichtiger dürfte für ihn ein weiteres Geschenk sein, das ihm aus Moskau zugekommen ist: In der „Prawda“ ist er unlängst zum ersten Male mit der Anrede „Genosse“ beehrt worden. Das ist ein Titel, mit dem Moskau heutzutage nur kommunistische Parteimitglieder und besonders bevorzugte Linkssozialisten auszeichnet.

Indem sie ihn als einen „Genossen“ anerkennt, bestätigt die sowjetische Parteileitung dem kubanischen Diktator, daß sie ihn nicht mehr als bloßen „national – demokratischen Sympathisanten“, geschweige denn als einen unzuverlässigen „nationalen Bourgeois“, sondern zumindest als einen engbefreundeten Sozialisten betrachtet. Castro ist damit ein gutes Stück dem Ziel nähergekommen, das er seit einem Jahr beharrlich verfolgt: sich zum Führer einer international anerkannten kommunistischen Einheitspartei aufzuschwingen und gleichzeitig die Anerkennung Kubas als vollwertiges Mitglied des „Sozialistischen Lagers“, das heißt des Ostblocks, zu erlangen.

Castro geht darauf aus, die Sowjetunion derart festzulegen, daß sie ihn im Falle eines amerikanischen Angriffs nicht im Stich lassen kann. Dazu braucht er einen formellen Militärpakt oder zum mindesten die Einstufung Kubas als Mitglied und nicht nur Freund des „Sozialistischen Lagers“. Daher sein Bestreben, sein Regime so rasch wie möglich aus einer Partisanendiktatur in eine regelrechte kommunistische Parteidiktatur mit der entsprechenden sozialen Basis umzuwandeln.

Dazu kommt noch ein zweites. Wenn Kuba erst einmal von den Mitgliedern des „Sozialistischen Lagers“ als ihresgleichen und als das erste sozialistische Land der westlichen Hemisphäre und wenn Castro selber als der kommunistische Parteiführer dieses Landes anerkannt ist, dann fällt ihm automatisch das Kommando über die gesamte kommunistische Bewegung Lateinamerikas zu.

Als bürgerlicher Demokrat hatte Fidel Castro ohne kommunistische Hilfe seinen Bürgerkrieg geführt und die Macht erobert. Aber Ultraradikalismus ist die Berufskrankheit, von der erfolgreiche Partisanenführer unweigerlich befallen werden. Denn wer schlechtbewaffnete kleine Banden zum Sieg über eine reguläre Armee geführt hat, hält nachher überhaupt alles für möglich. So ist Castro heute radikaler als mancher alte kommunistische Parteimann. Er ist überzeugt, daß ganz Lateinamerika reif zur Revolution ist, und er möchte die kommunistischen Parteien ansetzen, um diese Revolution auszulösen.

Dabei sind seine Hoffnungen und Erwartungen nicht auf Lateinamerika beschränkt. Bezeichnend für die Geistesverfassung, in der er und seine Umgebung sich befinden, ist das Fernsehinterview, das sein Außenminister Raul Roa – beileibe kein Parteikommunist – am 20. Mai 1961 über Radio Havanna gab. Über dieses Interview berichtete die kubanische Zeitung „Revolucion“: