Von Marcel

Eines der wichtigsten und interessantesten literarischen Organe in deutschen Landen, die in München erscheinende Monatszeitschrift „Merkur“, ist ernsthaft bedroht. Wie in der ZEIT vom 27. April zu lesen war, hat die Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, die diese Zeitschrift seit dreizehn Jahren finanziert, ihr Subsidium gekündigt.

Sollte der „Merkur“ etwa eingehen oder sollte seine Unabhängigkeit durch irgendwelche mehr oder weniger durchsichtige Machinationen beeinträchtigt werden, so wäre das eine Schande, ein empörendes Ereignis, ein Skandal. Wir sind sicher, daß es zu einem derartigen Skandal im Kulturleben der Bundesrepublik nicht kommen wird.

Auch die von der Ostberliner Deutschen Akademie der Künste herausgegebene Zweimonatsschrift „Sinn und Form“, die von Johannes R. Becher und Paul Wiegler begründet wurde und seit dreizehn Jahren von Peter Huchel redigiert wird, ist ernsthaft gefährdet.

Auf einer Beratung des Ministerrates der Deutschen Demokratischen Republik mit Mitgliedern der Akademie der Künste hat – dem „Neuen Deutschland“ zufolge – der Schriftsteller Willi Bredel, der dem Zentralkomitee der SED angehört, folgendes (gewiß nicht nur im eigenen Namen) erklärt:

„Ein Wort zur Zeitschrift der Akademie ‚Sinn und Form‘. Vielleicht übertreibe ich etwas, wenn ich sage, daß sie bisher in einem imaginären Raum geschwebt hat. Sie muß aber mit beiden Beinen in unserem Leben stehen. Sie muß auch das künstlerisch-ideologische Leben in der Akademie widerspiegeln. Doch davon war bisher in dieser Zeitschrift nichts zu spüren. Diese Zeitschrift war, wenn ich das einmal ganz zugespitzt sagen darf, trotz ihres hohen künstlerischen Niveaus eigentlich ein Wanderer zwischen zwei Welten. Deshalb ist es erforderlich, daß jetzt endgültig eine Änderung herbeigeführt wird.“

In ihren letzten Nummern brachte die Zeitschrift „Sinn und Form“ – um nur einige Beispiele anzuführen – bisher in Deutschland unbekannte Arbeiten von Montaigne, Tolstoi, Fontane, Mendele Moicher Sfurim, Sergej Jessenin, Rabindranath Tagore, Georg Kaiser, Hans Henny Jahnn, André Maurois, Arthur Adamov. Bredel hat schon recht: Von einer solchen Zeitschrift kann tatsächlich kaum gesagt werden, daß sie „mit beiden Beinen“ im Leben der DDR stünde.