Kakao ist ein kommerzieller und politischer Spekulationsartikel geworden wie fast alle anderen Agrarprodukte und Rohstoffe. Er ist schon vor dem Krieg Marktmanövern ausgeliefert gewesen, die, wie bei den meisten landwirtschaftlichen Erzeugnissen, mit Ernteschätzungen operieren. Es ist verhältnismäßig leicht, die Getreidekurse in Chikago durch wechselnde Witterungsberichte aus dem Getreidegürtel des Mittleren Westens zu beeinflussen, obwohl das Nachrichtenwesen in den Vereinigten Staaten rasch Korrekturen solcher Tendenzmeldungen bewirkt. Viel leichter sind derartige „Interventionen“ auf den Märkten tropischer Produkte, die auf schwer erreichbaren Plantagen angebaut werden. Senkung der Ernteschätzung bringt höhere, und erhöhte Schätzung niedrigere Preise – gleichgültig ob es sich um Kaffee, Reis, Kokosnüsse oder Kakao handelt.

Im Falle von Kakao operierte man auch von Zeit zu Zeit mit infektiösen Erkrankungen, die in Westafrika „swollen shoot“ genannt werden, während sie in Süd- und Zentralasien als „witches broom“ (Hexenbesen) auftreten. Solche Pflanzenkrankheiten waren früher tatsächlich so gefährlich, daß sie vor dem Ersten Weltkrieg die bis dahin blühende Kakaowirtschaft Surinams völlig zugrunde richteten und später der Stellung Ekuadors als führendem Exportland ein Ende machten. Noch nach dem letzten Weltkrieg sah man an der „unterentwickelten“ Goldküste die Ausrottung des Kakaobaumes für die nächsten 20 Jahre voraus, weil man glaubte, die Eingeborenen würden sich nicht zur Rodung der verseuchten Plantagen und zu Neupflanzungen bewegen lassen. Das hat sich im Laufe der letzten zehn Jahre gründlich geändert: Aus den unterentwickelten sind Entwicklungsländer geworden mit allen jenen Anzeichen einer mit technischen, finanziellen und politischen Mitteln vorgetriebenen Produktionskapazität, die sich in vielen Fällen in Überkapazität mit wachsender Produktion verwandelt.

Man müßte annehmen, daß eine internationale Zentralstelle wie die Food & Agriculture Organization der Vereinten Nationen in Rom die für eine richtige Marktbeurteilung nötigen Informationen besitzt. Tatsächlich veröffentlicht das römische Büro periodisch Berichte über die Kakaoposition; aber auch dort wurde in diesem Jahr – gewiß unbeabsichtigt – die Entwicklung unrichtig beurteilt. Die Entwicklungsländer wollen an ihren Rohstoffen mehr verdienen, um ihre Unabhängigkeit finanziell besser zu unterbauen. Ob Kuba mit seinem Zucker, Ägypten mit Baumwolle, der Kongo mit Kupfer und Kobalt, Bolivien mit Zinn, Venezuela mit Öl, Brasilien mit Kaffee und Kakao, Ghana hauptsächlich mit Kakao – sie alle leiden unter der „Entwicklungskrankheit“, nämlich mit gesteigerter Produktion und Ausfuhr auch höhere Preise erzielen zu wollen. Man hat die Rohstoffproduzenten nicht über die Marktgesetze aufgeklärt, zum Teil im guten Glauben der Nachkriegszeit, in der allgemeine Warenknappheit bestand, Produktionserhöhung das Gebot der Stunde war und, im Falle von Kakao, in manchen Gebieten die Gefahr der völligen Vernichtung der Pflanzungen drohte. Amerikanische und britische Schokoladenfabriken (Großbritannien ist der größte Kakaoverbraucher) haben viel getan, um den Neuanbau von Kakaobäumen in den Produktionsländern zu fördern und hierdurch bei den Eingeborenen Hoffnungen auf hohe Einkünfte erweckt. Im Jahre 1946 war der Durchschnittspreis in New York 11,6 $c per lb., im nächsten Jahre 35 $c, im Januar 1954 54 $c und im Juli desselben Jahres 63,9 $c. Eine solche Preisbildung mußte natürlich den Eingeborenen eine Fata Morgana am Äquator vorgaukeln – und die Produktion begann entsprechend zu wachsen.

Auch die Produktion an der Elfenbeinküste, Kamerun, Togo, Gabon und im Kongo hat sich gegenüber der Vorkriegszeit gehoben. In Westnigerien waren im Jahre 1954 nur 1000 Farmer, im Jahre 1959 über 50 000 Farmer in der Bekämpfung der Pflanzenkrankheiten und 120 000 Farmer in der gleichfalls wichtigen Insektenbekämpfung trainiert.

Schon im vergangenen Kakaojahr 1960/1961 versuchte man, dem Verfall der Preise in einer Studiengruppe der Vereinten Nationen durch Vorschläge zu einer Stabilisierung (mittels Exportquoten) zu begegnen. Eine Einigung zwischen den Produktionsländern kam bis heute nicht zustande, aber die Verhandlungen hatten im Herbst immerhin eine psychologische Wirkung gehabt. In Verbindung mit einer Verknappung in greifbarer Ware sowie Ernteschätzungen von nur 1,07 Mill. t für 1961/1962 kam es zu einer Hausse, welche die New Yorker Notierung von etwa 21 $c Accra (Mitte August 1961) bis auf 28 $c Accra (Ende November 1961) jagte. Den Hauptanteil an der Bewegung hatten rein spekulative Käufe. Während die Tagesumsätze in New York vor der Hausse unter 200 Schlüssen lagen, gingen sie während der Bewegung weit über 1000 Schlüsse. Die Spekulation verbrannte sich die Finger, als sich herausstellte, daß die neue Ernte nicht geringer, sondern mit 1,18 Mill. t wiederum höher sein und den Weltverbrauch um fast 90 000 t überschreiten würde. Die Folge war ein rapider Preiszerfall. Die Verkaufsorganisationen (Marketing Boards) Westafrikas und später auch Brasiliens zogen sich von den Märkten zurück, d. h. sie lehnten es ab, zu den gedrückten Preisen zu verkaufen. Das Ergebnis ist eine technische Reaktion, in der sich Spekulation und Verbraucher in Käufen teilen.

Von Zeit zu Zeit haben auch Nachrichten über russische Kakaokäufe in Ghana und Nigeria zu Preisschwankungen geführt. Ghana, das zu Moskau intime Beziehungen unterhält, hatte ein Interesse, die Verhandlungen mit der Sowjetunion in möglichst günstigem Lichte erscheinen zu lassen. Im fünfjährigen Handelsabkommen zwischen Ghana und der Sowjetunion ist eine Ausfuhr von 35 000 t Bohnen im ersten Jahre (Ghana-Ernte mindestens 350 000 t in 1961/1962) und allmähliche Steigerung bis 60 000 t und darüber im Laufe der fünf Jahre vorgesehen. Seit dem 1. Dezember 1961 lieferte der staatliche Ghana Marketing Board nach seinen Angaben nur an den Ostblock, wobei er angeblich Preise nicht unter 200 £ per longton erzielte, während der Weltmarktpreis bei 150 £ lag. Sollte der Ostblock auch in diesem Falle die in Kuba mit Zucker verfolgte Methode angewendet haben? Sollte Präsident Nkrumah Fidel Castro als Vorbild benutzt haben?

Zwischen der politischen Situation in Ghana und dem Kakaopreis besteht ein enger Zusammenhang: Fast 65 % der Deviseneingänge stammen aus der Kakaoausfuhr. Ein Rückgang um 25 % in den Preisen bedeutet für das mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfende Land einen kaum tragbaren Ausfall in seinen Einkünften und eine wachsende Unzufriedenheit unter den Kakaofarmern, die schon im Vorjahr gezwungen worden waren, einen Teil ihres Einkommens in Staatsobligationen anzulegen.

Der Marketing Board in Accra dürfte infolge seiner Politik des Boykotts der Weltmärkte ein Lager von 180 000 bis 200 000 t besitzen, das früher oder später abgestoßen werden muß; Kakao ist ja in den Tropen nicht lange lagerfähig (die Kakaovorräte in der ganzen Welt werden im Herbst 1962 auf 370 000 t geschätzt). Abgesehen von den Erträgen der anderen Produzenten reicht allein dieser Überhang wahrscheinlich hin, um die Unruhe auf den Kakaomärkten zu erhalten; die Studiengruppe der Vereinten Nationen wird rasch arbeiten müssen, wenn sie mit Stabilisierungspreisen einen besseren Erfolg als ihre Kolleginnen in Zinn und Zucker erreichen will.