Aufgebracht reagierten einige westdeutsche Zeitungen, als sie von dem engeren Anschluß der Zonen-Wirtschaft an die sowjetische Wirtschaft erfuhren. Eine Abmachung dieser Art soll Ulbricht mit Chruschtschow vor ein paar Wochen in Moskau getroffen – sie allerdings vorerst nur seinen Parteitreuen bekannt gegeben haben. Die Urteile in der Bundesrepublik waren hart. Der 13. August sei durch diese neueste kommunistische Maßnahme „in den Schatten gestellt worden“; man spricht von Ulbrichts Staat als einer sowjetischen „Wirtschaftskolonie“ und meint, dies bedeute nun den „totalen Ausverkauf“ Mitteldeutschlands.

Was ist geschehen? Jede Volkswirtschaft im kommunistischen Block wird durch eine zentrale Planung gesteuert. Produktion und Verbrauch, Investitionen und Außenhandel – alles interdependente Größen des wirtschaftlichen Prozesses – werden für eine bestimmte Periode festgelegt. Da aber auch eine dirigistische Wirtschaft die Absicht hat, möglichst ökonomisch zu verfahren, müssen die nationalen Pläne auch übernational aufeinander abgestimmt werden. Nur so profitiert man von einer internationalen Arbeitsteilung, von der ja weitgehend der Erfolg und das Wachstum einer Volkswirtschaft abhängig ist.

Seit 1949 versuchen die osteuropäischen Staaten im Comecon (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) ihre Pläne zu koordinieren und damit zu einer „sozialistischen Integration“ zu gelangen. Und seit 1956 – im Herbst jenes Jahres stiegen die Spannungen im Ostblock auf ein Höchstmaß – versuchte man verstärkt, die ökonomische Gleichberechtigung der Partnerstaaten im Comecon in Einklang zu bringen mit den Forderungen einer umfassenden sozialistischen Planung. Alle acht Staaten dieses „östlichen gemeinsamen Marktes“ haben dabei ihre „produktive Rolle“ übernehmen müssen; sie spezialisieren sich also in der Folge auf gewisse Herstellungsgebiete. Im allgemeinen werden alle Pläne auf den russischen Siebenjahresplan abgestimmt und eine Synchronisierung der wirtschaftlichen Daten ist im Comecon ein Ziel, das spätestens bis 1965 erreicht werden sollte.

Vermutlich aus politischen Gründen wird diese Entwicklung nun beschleunigt – und weil die Zonenwirtschaft in dem Konzert der acht Comecon-Länder die schwächste Stimme hat, soll die Kooperation und Koordination zwischen der DDR und der Sowjetunion verstärkt werden. Eine engere Bindung dieser Art ist im Rahmen des Comecon-Vertrages durchaus möglich.

Das westliche Urteil, die Zone werde jetzt durch die Russen „ausverkauft“, ist aber nicht unbedingt richtig. Denn die kommunistischen Machthaber sind inzwischen etwas einsichtiger geworden. Sie wissen, daß eine ausgepowerte, unwillige Bevölkerung keine gute „sozialistische Aufbauarbeit“ leistet. Ulbricht – dem das Wasser schon bis zur Brust steht – mag nicht mehr allzu viele fragwürdige Experimente ertragen.

Dieses neue Abkommen ist aber ein Experiment: Die angekündigten Umstellungen in der Produktionsstruktur der Zone werden zweifellos „volkswirtschaftliche Verluste“ (mindestens kurzfristig) zeitigen. Auf längere Frist darf man aber annehmen, daß die Zone nicht nur zu leiden braucht. Es kommt ganz darauf an, wie das Wohlstandsniveau in der Sowjetunion sich verändert und wie stark die Kopplung der DDR an die russischen Wirtschaftsdaten ist.

Die Integration der Ostblockländer ist ein wichtiges Ziel im Comecon-Vertrag. Die wirtschaftlichen Gründe dafür liegen auf ähnlicher Ebene wie bei den westlichen Integrationsplänen. Der soeben von Chruschtschow und Ulbricht vereinbarte Schritt darf als ein Versuch angesehen werden, den Ostblock (d.h. die Comecon-Gruppe) zu stärken – und wahrscheinlich sind die EWG-Erfolge nicht zuletzt schuld daran, daß man mit dem Aufbau des sozialistischen Marktes in große Zeitnot geraten ist. Denn nach wie vor wollen die Ostblockstaaten in einen Tauschverkehr mit dem Westen einlenken (die russische Rubelsanierung war dazu ein Vorspiel) und so auf den Weltmärkten ein Wort mitreden. Gelingt dem Osten ein Anschluß an den weltweiten Außenhandel nämlich nicht, dann ist hinfort seine Position – vor allem gegenüber den Entwicklungsländern – schwach.