Von Erwin Koppen

Benito Mussolini rief die Geister eines terrorisierenden nationalistischen Bürgertums, die Europa bis heute nicht mehr losgeworden ist. Er selber verschwand nach 1945 aus dem deutschen Bewußtsein. Bis dahin aber hatte man in ihm – ob man ihm nun mit Sympathie oder Abneigung gegenübergestanden hatte – eine Figur gesehen, die enger als irgendein anderer ausländischer Staatsmann mit dem deutschen Schicksal verknüpft war. Heute ist er für die Deutschen nieder in den Rahmen zurückgetreten, dem er Jamals entstiegen war: dem der jüngeren italienischen Nationalgeschichte.

Zwei Filme, die unlängst gleichzeitig in den großen Filmtheatern Roms und Mailands anliefen (wie bei Anastasia, Oscar Wilde und den Männern des-20. Juli leistete sich die Filmindustrie wieder einmal den Luxus, gleichzeitig zwei Filme mit annähernd demselben Stoff zu starten), „Benito Mussolini“ von Roberto Rossellini und Pasquale Prunas und „Anatomie eines Diktator“ von einem sonst unbekannten Manne namens Loy sind durchaus geeignet, die Dinge wieder ins redte Licht zu rücken.

Die Schatten, die dort auf der Leinwand beschworen werden, zeigen dem deutschen Betrachter eindringlicher, als es ein Dutzend historischer Fachschriften könnten, daß der Nationalsozialismus ursprünglich nichts anderes als ein italienischer Importartikel war. Mussolinis „squadre“ wurden zu Hitlers SA und SS, das Schwarzhemd zum Braunhemd und der römische zum deutschen Gruß.

So erscheinen denn in den beiden Dokumentarwerken, vor allem im Film von Rossellini und Prunas (der das bessere und originellere Material und den geschliffeneren Kommentar zu bieten hat), Dinge, die uns vertraut sind: zum Gruß gereckte Hände, Spießerbäuche in Phantasieuniformen, treugläubige Gesichter verführter und selbstverständlich uniformierter Kinder und Jugendlicher, Soldaten, Paraden, Fackelzüge und Massenkundgebungen. Die Choreographie, so heißt es im Kommentar zu Rossellinis Film, ist freilich bescheidener als nördlich der Alpen, und die eingeblendeten Aufnahmen Leni Riefenstahls Film „Triumph des Willens“ machen dies, deutlich.

Und immer wieder der Diktator: mit Zylinder, Melone, Admiralshut und Faschistenfez, in Gehrock, Straßenanzug und mindestens zehn verschiedenen Uniformen. Aber, und hier staunt der deutsche Zuschauer, der solches von seinem Führer nicht gewohnt war, es erscheint auch (auf, wohlgemerkt, offiziellen Wochenschauaufnahmen) ein Duce in Badehose, der mit Parteifunktionären um die Wette schwimmt und sich nicht scheut, bei besonders heißem Wetter eine Rede auch einmal mit nacktem Oberkörper zu halten.

Mussolini als Redner ist überhaupt ein Kapitel für sich. Die rauhe Feldwebelstimme, die Fähigkeit, mit einer aufgepeitschten Menge einen Dialog zu führen, rufen den Vergleich mit dem Diktatorkollegen aus Braunau wach. Aber während Hitlers Wirkung auf die Deutschen darauf beruhte, daß seine besessene Eloquenz ohne jedes Vorbild, etwas in der deutschen Politik noch nie Dagewesenes war, steht Mussolini mit seiner mediterranen Gestik und seinem lebhaften, oft grotesken Mienenspiel in der Tradition einer Rhetorik, die im Süden von jeher zum politischen Stil gehörte.