Von Paul Arthur Loos

Ernst Jünger mit Baumann oder gar mit Ziesel in einen Topf zu werfen, ist gewiß ein „Unding“, denn Jünger ist kein kleiner Fisch, den man mehr oder weniger verächtlich aus dem Netz der Zeitgeschichte ins Wasser der Abflüsse wirft, so daß er sogar – wie Baumann und Ziesel – dem Kochtopf der „unbewältigten Vergangenheit“ entrinnt. Ein vorzüglicher Koch, mit Vornamen Thilo, hat allerdings vor Jahresfrist in der ZEIT (Nr. 14/61) den als Hecht erster Klasse geltenden Ernst Jünger in sein „elementares“ Element zurückgeworfen und „eliminiert“ – nicht als „Strahlungs“-schädigend, sondern expressis verbis als passé und wegen des „zuviel Jugendstil in seinen Allüren“. Damit könnte man sich beruhigen – aber kann man es wirklich?

Fraglos ist Jünger ein bedeutender Schriftsteller deutscher Sprache, vielleicht der bedeutendste neben Thomas Mann. Und hier scheiden sich bereits in den meisten Fällen die Geister. Die Animosität gegen Thomas Mann speist sich aus derselben trüben Quelle, die den Argumenten für Ernst Jünger den kennzeichnend irrationalen Impetus gibt, und das bedeutet auch: für den frühen Ernst Jünger, gegen den reiferen, den „demokratischen“ Thomas Mann.

Diese Antagonie hat wenig mit künstlerischen Bewertungen zu tun, mehr mit politischen und moralischen; und wenn man das „Politisch-Moralische“ zu Recht als gegebene Wertung anerkennt, dann weiß man, daß hier die sich scheidenden Geister für säkulare Tendenzen stehen.

Mit den Namen gesprochen: Thomas Mann, der Aristokrat patrizischer Herkunft, steht für das im besten Sinne „Bürgerliche“ und Liberale, für das Ringen um die „lebensbürgerliche“ Form und Humanität. Ernst Jünger, in seinem verkrampften Aristokratismus mittelständischer Herkunft oft geschmacksunsicher bis zum Exzeß oder zum Banalen, dieser Jünger ist bei seinen Jüngern meist immer noch ein keineswegs entmythologisierter Held des „heroischen Nihilismus“, der Anti-Bürgerlichkeit und Anti-Humanität in sehr reaktionärer Verbindung mit Nationalismus und Mystizismus.

Und nun die Frage: Ist er schuldig oder mitschuldig an dieser mystifizierenden Heldenverehrung?

Nun, er hat wenig getan, um seine Jünger zu ent-täuschen. Die Täuschung hält an, sie stellt einen „Stahlmenschen, innen mit Plüsch ausgepolstert“ (Günter Blöcker) auf ein Denkmalspodest aus brüchigem Granit. Stahl und Granit wirken auf den „deutschen Menschen“, aber Denkmäler haben die fatale Eigenschaft, unbewohnbar zu sein. Der Mensch Ernst Jünger, dem Vernehmen nach seit kurzem wieder verheiratet, möchte gewiß nicht „unbehaust“ leben. Das einstmals hochstilisierte Niemandsland ist verständlicherweise von jenem häuslichen Frieden überdacht worden, wo man vormittags gern den Hausrock trägt und die „subtile Beute“ lieber in astrologischen Büchern und periodischer „Bibel-Lektüre“ sucht als in phosphoreszierenden Stahlgewittern, bunten Käfern in Schreckensgestalt, Schlangen, geschlachteten Menschenleibern, feuerroten Lilien, erschossenen Fahnenflüchtigen, im Sekt schwimmenden Erdbeeren beim Bombenangriff, Hölderlin mit Marquis de Sade – und so fort, nicht zu vergessen jene fleischfressenden Pflanzen-Ungeheuer, die jetzt wohl innerlich wie äußerlich durch schwäbische Geranien verdrängt worden sind.