In Paris ist der Prozeß gegen den obersten OAS-Chef Salan für den 20. Mai angesetzt. Wie es heißt, sind zehn Verhandlungstage vorgesehen. Aber schon heute zeigt sich, daß der „Mandarin“ (so Salans Spitzname) entschlossen ist, es den Richtern schwerzumachen. Jouhaud, sein zum Tode verurteilter OAS-Komplize, fand wenig Schutz bei seinen Advokaten, die mit sentimentalen Appellen zwar das Publikum beeindruckten, nicht jedoch die Richter. Salan hat zu seinem ersten Verteidiger den rechtsradikalen Abgeordneten des Palaments, den wortmächtigen Maître Tixier-Vignancour, gewählt. Bestand der Untersuchungsrichter darauf, daß die Taten durchleuchtet wurden, die nach dem April-Putsch der Generäle geschahen (1961), so will Salans Verteidiger, daß alle Geschehnisse zur Sprache kommen, die zu diesem Aufstand führten, ja sogar alle Ereignisse, die den 13. Mai 1958 heraufbeschworen, den Tag, der de Gaulle an die Macht brachte.

Als Jouhaud vor dem Militärgericht stand, rief Generalstaatsanwalt Raphael: „Das ist nicht mein Prozeß“, sobald nur noch von Politik und nicht mehr allein von Verbrechen die Rede war. Tixier-Vignancour versucht, den Salan-Prozeß von Anfang an anders aufzuziehen. Politische Aktion – das ist sein Prozeß.

Er will Debré, dessen Rücktritt als Premierminister gelegen kommt, als Zeugen laden, aber auch Generäle wie den berühmten ehemaligen Stabschef Ely, ja, er verlangt sogar den Präsidenten der Republik, de Gaulle, in den Zeugenstand. (Was schon rechtlich ganz unmöglich ist.) Inzwischen schwieg Salan vor dem Untersuchungsrichter Courcol auf alle Fragen. Und dieser wiederum bereitet seither eine Liste aller Verbrechen vor, die von der OAS – und in Salans Namen – sowohl in Algerien als auch in Frankreich begangen wurden.

Unterdessen wirft der Prozeß Salan seine Schatten voraus – nicht nur auf französischem, sondern auch auf algerischem Boden. In Oran, wo sich die Gerüchte verdichten, daß die OAS einen „großen Schlag“ gegen das Araberviertel plant, wird General Katz alles unternehmen, was in seiner Macht steht, um noch vor Prozeßbeginn die Rebellenstadt zur Ordnung zurückzuführen. Und seine Aussichten auf Erfolg werden um so positiver beurteilt, als sich soeben in der rebellischen Hauptstadt Algier die ersten Auflösungserscheinungen der OAS-Front bemerkbar machen. Täglich reisen Algier-Europäer ab: Eine Flucht, welche die OAS, die vor kurzem noch zwei Passagier-Flugzeuge in die Luft sprengte, immer weniger verhindern kann. J. M.-M.