Anscheinend ist eine Wohlstandsgesellschaft nicht die leichteste Form des Zusammenlebens der Menschen, sie scheint mir jedenfalls am schwierigsten zu bändigen zu sein.

Wirtschaftsminister Ludwig Erhard

Hannover 1962

Rund ein Monat ist es her seit des aufrüttelnden Erhard-Rufes an das deutsche Volk. Und viel ist inzwischen geredet worden. Die Kritik, die sein Menetekel weitherum auslöste, nahm der Minister mit gewohnter Gelassenheit hin. Auf diese Weise war wenigstens ein „multilaterales Gespräch“ über Wirtschaftspolitik in Gang gekommen, dem man allerdings bis heute noch nicht viel Gutes nachsagen kann.

Anläßlich der Eröffnung der Hannover-Messe 1962 hatte der Vizekanzler die Möglichkeit, seine Ansichten neu vor der Öffentlichkeit zu profilieren und jene Stellen noch. deutlicher zu fassen, die man leider zuerst einmal mißverstanden hatte.

Erhards Konjunkturkritik ging weniger vom ökonomisch-statistischen Gegenwartsbild aus, sondern entsprang vielmehr einer gesellschaftlichsittlichen Einsicht und Sorge um die Zukunft. Er sprach nicht von heute, sondern von morgen. Der materielle Übereifer der Deutschen, die Unzufriedenheit, die Überwertung der käuflichen Genüsse – all das drückt den Staatsmann Erhard. Weil er durch die Wirtschaft hindurch die soziologische Kulisse sieht, kann er auch gar nicht leicht ein wirksames Rezept für eine gute Wirtschaftspolitik verschreiben. Erhard sagte in einem leicht resignierenden Unterton: „Mit den materiellen Mitteln allein, das heißt also bloß mit dem, was Wirtschaftspolitik im eigentlichen Sinne ist, werden wir wahrscheinlich die Harmonie der Gemeinschaft und der Gesellschaft nicht mehr ganz verbürgen können.“

Man kann zwar aus des Ministers Worten heraushören, daß er die deutsche Unternehmungslust, den deutschen Fleiß, die Ausdauer und auch die Opferbereitschaft aller Bevölkerungskreise bei der Überwindung des Nachkriegschaos sehr schätzte. Leider aber mußte auch er zur Einsicht kommen, daß die enge – wenn nicht gar sture – Hinwendung zum materiellen Wiederaufbau für den deutschen Menschen nicht unbedingt von Vorteil war. Viele Kontaktstellen zwischen den Individuen, im kleineren und größeren gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Kreis, sind heute verharzt; viele Herzen sind verhärtet und mancher Geist ist verödet.