Entgegen vielen Erwartungen (und Zeitungsmeldungen) hat das Volkswagen-Werk allen Vorstellungen des Wirtschaftsministers zum Trotz die am 1. April erhöhten Preise nicht schleunigst wieder gesenkt. Also wird in der Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik der diesjährige Frühlingssturm um die Autopreise kein Ruhmesblatt erhalten. Vielleicht wird der Chronist dieses Kapitel sogar betiteln müssen: „Der mißlungene Versuch, Wirtschaftspolitik allein mit guten Worten zu machen.“ Aber wäre der Bundeswirtschaftsminister Erhard in dieser dramatischen Preisschlacht mit der Automobilindustrie Sieger geblieben, er ginge dann vielleicht in die Geschichte als der Mann ein, der seiner eigenen Marktwirtschafts-Idee zuwider handelte.

Wohl niemand wird jemals ergründen können, was ausgerechnet Professor Erhard zu dem Versuch bewogen hat, das Grundgesetz der Marktwirtschaft – nämlich das von Angebot und Nachfrage – ex officio als ungültig zu erklären und wie folgt umzudeuten: Angebot und Nachfrage bestimmen allenfalls bei Zahnpasta – vorausgesetzt, es besteht keine Preisbindung – und anderen „minder wichtigen“ Erzeugnissen den Preis. Alle wichtigen Güter unterliegen nicht mehr den Marktgesetzen; sie sind vielmehr grundsätzlich „politischer“ Natur und daher in ihrer Preisgestaltung staatlich gebunden. Anders lassen sich die Reden Erhards aus jüngster Zeit nicht interpretieren. In dubio sind jene Preiserhöhungen als „politisch“ (und daher verboten) zu klassifizieren, die schlicht und einfach unpopulär sind. An dieser „Schallmauer“ der Popularität hört die unternehmerische Verantwortung auf, hier beginnt die des Staates.

Mag sein, daß sich Erhard durch Kennedys Erfolg im amerikanischen Stahlpreisstreit anspornen ließ. Leider aber ist Erhard nicht in der guten „Kondition“ Kennedys. Dieser unterstrich seine Mahnung an die Stahlindustrie mit handgreiflichen Drohungen: Die Administration würde ihre Rüstungsaufträge auf jene Unternehmungen umlegen, die ihre Preise nicht erhöhten, und – was noch härter klang – die Anti-Trust-Untersuchungen des Justizministeriums über Absprachen zwischen den Industriellen würden noch verschärft werden.

Erinnern wir uns: Es begann mit einer dramatischen Fernsehrede des Bundeswirtschaftsministers zum Maßhalten. Dann kam der erste April. Ob Professor Erhard an einen Aprilscherz geglaubt hat, als ihm die ersten Meldungen über Autopreiserhöhungen auf den Schreibtisch flatterten? Jedoch den Vorständen der Automobilwerke war es nicht zum Scherzen zumute. Das bevorstehende Frühjahrsgeschäft und die langen Lieferfristen (sprich „lebhafte Nachfrage“) gaben ihnen Mut, noch einmal, vielleicht zum letzten Male, ihre Chance wahrzunehmen. Die Käufer murrten zwar, aber sie zahlten.

Was das Volkswagen-Werk anbetrifft, so heißt es dort: Nur ein Drittel der Produktion ist von der Preiserhöhung betroffen. Und dieser neue Preis liegt noch unterhalb des Preises aus dem Jahre 1949, obwohl das betreffende Volkswagen-Modell (es ist der VW 1200) seinen Vorgänger an Qualität übertrifft. Es seien aber nun einmal Kostensteigerungen durch höhere Materialpreise und vermehrte Löhne eingetreten. Außerdem habe das 1960 privatisierte Werk Dividende auf ein Kapital von 600 Millionen DM zu zahlen. Die Verantwortung des Vorstandes für die Sicherheit der Arbeitsplätze von 75 000 Werksangehörigen und weiteren 500 000 Menschen, deren Arbeitsplätze vom Werk abhingen, schließlich auch die Rücksicht auf anderthalb Millionen Volksaktionäre forderten die Preiserhöhung.

Eines aber hatten die Autoindustriellen nicht bedacht: das dramatische Aufbegehren des Bundeswirtschaftsministers. Jene neue Regel war ihnen offenbar noch nicht geläufig, wonach ein Maßhalte-Appell so gut wie ein offizieller Preisstopp ist. Mit elementarer Gewalt entlud sich jedenfalls der Zorn aus Bonn über den Köpfen der Generaldirektoren Nordhoff (VW), Hitzinger (Mercedes) und Stieler von Heydekampf (NSU), weniger über „unseren amerikanischen Freunden“ von Opel und Ford. Am schärfsten ging man mit dem „Preisführer“ Nordhoff ins Gericht.

Prominente Politiker, allen voran der FDP-Vorsitzende Mende, forderten im populären Tone dessen Kopf. Die Vertreter des Bundes im Aufsichtsrat des Volkswagen-Werkes, Busch und Hettlage, wurden aufgeboten, „den“ Nordhoff zur (Staats-)Räson zu bringen. Daß der Aufsichtsrat gegenüber dem Vorstand keine Weisungsbefugnisse besitzt, wurde dabei ganz übersehen. Und schließlich wurde im Bundestag, sozusagen als Dolch im Gewande, ein Gesetzentwurf zur Beseitigung der EWG-Binnenzölle auf Automobileinfuhren ausgearbeitet. Dies nach dem Motto: Wer nicht hören will, muß die Konkurrenz fühlen, selbst, wenn er dabei ins Gras beißen sollte...