Haiiskracli in Nordrhein-Westfalen: Fritz Steinhoff kam und Fritz Kassmann mußte gehen

Von Dietrich Strothmann

An dem einen Telephon meldete sich eine Frauenstimme: „Nein – mein Mann nimmt an einem Betriebsausflug teil. Nein – ich weiß nicht, wie lange er fortbleibt.“ Der Mann, der nicht an den Apparat kommen konnte, wohnt in Hagen, im Westfälischen. Sein Name: Fritz Steinhoff‚ weiland Ministerpräsident im größten Bundesland zwischen Rhein, Ruhr und Lippe, zur Zeit noch Abgeordneter im Bonner Bundestag, seit einer Woche Spitzenkandidat der SPD in Nordrhein-Westfalen. – Später kam es heraus: Fritz Steinhoff war auf keinem Betriebsausflug...

An dem anderen Telephon meldete sich niemand. Der Mann, dem der Apparat gehört, wohnt auf dem alten Herrensitz Broel bei Soest, im Westfälischen. Sein Name: Dr. jur. Fritz Kassmann, weiland Wiederaufbauminister unter Steinhoff in Düsseldorf, zur Zeit noch Fraktionsvorsitzender der Opposition im Landtag, seit einer Woche nicht mehr Spitzenkandidat der SPD in Nordrhein-Westfalen. – Später kam es heraus: Fritz Kassmann weilt bei Freunden an einem „unbekannten“ Ort in Bayern...

In neun Wochen ist Wahltag in Nordrhein-Westfalen. Jetzt schon beginnt die Jagd der Parteien auf die Stimmen, schalten die Manager die Wahlmaschinerie auf „volle Kraft“. Die beiden wichtigsten Männer der SPD aber – der in den Sattel gehobene und der vom Thron gestürzte Kandidat – bieten den Wählern den Anblick eines handfesten Hauskrachs in der Partei.

Warum brach die Front der Sozialdemokraten auseinander, noch ehe sie zum Angriff auf die Phalanx der mächtigen CDU und der mitlaufenden FDP ansetzte? Es war ein rechtes Bubenstück, so sagen die einen. Es war ein normaler Führungswechsel, so sagen die anderen.

Da ist einmal Steinhoff, „der Fritz“, wie ihn seine Anhänger nennen, das Mitglied der „Mannschaft“ um Willy Brandt, der Politiker, der im November des letzten Jahres in das Bonner Parlament eingezogen war. Niemand hatte damit gerechnet, daß er als Direktkandidat in seinem Wahlkreis Hagen durchkommen würde, denn bei den vorangegangenen Bundestagswahlen war hier stets der CDU-Konkurrent siegreich geblieben. Diesmal aber schlug ihn Steinhoff aus dem Felde.