Machtpolitik in der Wetterecke der Weltgeschichte – Was ist „basic democraey”?

Durch dieses Tal ritten meine Vorfahren, als sie das Land eroberten.“ Der junge Pakistan! blickt herunter vom Khyberpaß auf das tief eingeschnittene Tal. „Sie ließen sich durch keine Grenzsperren aufhalten.“ – Sperren gibt es immer noch hier oben am Khyberpaß, an der alten Heerstraße der Eroberer. Im trockenen Flußbett ducken sich bösartige Panzerhöcker. Auf Bergrücken längs der Straße stehen mit dicken braunroten Ziegelmauern Forts und Wachtürme. Mit Babur, dem Mongolenfürsten, seien seine Vorfahren ins Industal gekommen, erzählt der Pakistani.

Die Feldherren des Darius, Alexander der Große, Araber, Mongolen – lang ist die Liste der Eroberer, die ins Industal gezogen sind. Viele Kulturen sind sich hier begegnet und haben sich hier vermischt: Hier geschah es, daß Buddha die Gestalt eines griechischen Apoll annahm. Reiche kamen, Reiche vergingen, aber Pakistan blieb eine Wetterecke der Weltgeschichte, auch heute noch. Das Land hat in den letzten Jahren 60 Prozent seines Budgets für die Landesverteidigung ausgegeben. Der junge Mann, dessen Vorfahren einst auf struppigen Pferden über den Khyberpaß ritten, fliegt heute einen Düsenjäger der pakistanischen Luftwaffe.

Mißtrauisch beäugen sich die Grenzposten am Khyberpaß. Drüben, über den Mauern eines kleinen Forts, weht die Flagge der Afghanen, mit denen die Pakistani eine intime Feindschaft verbindet. Zankapfel ist das kriegerische Völkchen der Pathanen, das auf beiden Seiten der Grenze lebt. Mißtrauisch auch verfolgen die Pakistani, wie im Nachbarland Afghanistan der Einfluß der Sowjets wächst, und argwöhnisch beobachten sie, wie der draco ex machina in Asien, Rotchina, seine Tatzen nach der Nordostgrenze streckt. Und als ob es damit nicht genug wäre: Die Beziehungen zu Indien, dessen Land- und Volksmassen sich wie ein Meer zwischen die beiden Inseln Ost- und Westpakistan schiebt, sind von Haß vergiftet.

Wie kann sich ein Staat behaupten, der geographisch so exponiert ist? Außenpolitisch und militärisch hat sich Pakistan durch Bündnisse mit dem Westen (CENTO an SEATO) abgesichert; das Verhältnis zu Indien wird erträglich durch die gemeinsame Sorge vor dem Vordringen Rotchinas; aber auf die Dauer behaupten kann sich Pakistan nur, wenn es innenpolitisch gesund und wirtschaftlich kräftig ist, wenn es eine wirklich neue Nation ist.

„Unser Nationalismus“, so schrieb Ajub Khan 1960 in der bedeutenden amerikanischen Zeitschrift „Foreign Affairs“, „fußte vor 1947 mehr auf einer Idee als auf einem territorialen Begriff. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Islam unsere Ideologie, territorial waren wir Inder und verwaltungsmäßig ein Gemisch von mindestens elf kleineren Provinzen. Als dann Pakistan plötzlich Wirklichkeit wurde, standen wir, die wir aus jedem Winkel des riesigen indischen Sub-Kontinents zusammengewürfelt waren, vor der Aufgabe, all unseren althergebrachten lokalen und provinziellen Patriotismus in eine einzige allumfassende Loyalität zu dem neuen Staat Pakistan zu übertragen. Es liegt auf der Hand, daß diese Metamorphose von schwierigen psychologischen und gefühlsmäßigen Belastungen begleitet war, die uns nichts ersparten – und denen wir auch heute noch ausgesetzt sind.“

Der Staat der Moslems