Die Einigung Europas wird in den kleinen Staaten des alten Kontinents, die zugleich der Neutralität verpflichtet sind, mit großer Befriedigung beobachtet. Gleichzeitig allerdings wächst dort ein Gefühl der Unruhe, weil offenbar bei den aktiven Europäern (gemeint sind vor allem die EWG-Staaten) die Meinung um sich greift, eine echte kontinentale Gemeinschaft zwinge auch die Neutralen zur Anpassung. In Nr. 15 der ZEIT (13. April) war unter dem Titel „Kein Platz für wilde Tiere“ geäußert worden, daß man sich in Schweden, Österreich und der Schweiz wohl oder übel an die neue Situation gewöhnen müsse. Anderer Ansicht ist der prominente Unternehmer und Politiker Nicolas Jaquet (Basel), der mehr als vierzehn Jahre dem schweizerischen Nationalrat angehörte und der das neue Europa aus helvetischer Optik betrachtet.

Österreich, Schweden und die Schweiz sind Kleinstaaten. Sie haben weder einzeln als „Federgewicht“ noch zu dritt als „kollektives Leichtgewicht“ die Möglichkeit, mit den Waffen oder mit handelspolitischen Machtmitteln einer Großmacht ihren Willen aufzuzwingen. Und trotzdem beanspruchen diese Staaten ihren kleinen Platz in Europa und auf dem Erdball. Sie wollen ein Mindestmaß politischer Eigenständigkeit nicht aufgeben und wünschen aus diesem Grund, der EWG nicht als Vollmitglieder beizutreten. Wenn geltend gemacht wird, daß die Neutralen „um einen Platz in der EWG ringen“, so wird ein falscher Eindruck erweckt. Die Tatsache, daß Österreich, Schweden und die Schweiz ihre Anmeldung als assoziiertes Mitglied an die EWG eingereicht haben, zeigt zunächst, daß die drei Staaten nicht daran denken, die Ziele der europäischen Gemeinschaft zu stören. Der Vertrag von Rom sieht neben der Vollmitgliedschaft ausdrücklich die Möglichkeit einer Verbindung in anderer Form vor, die als Assoziation bezeichnet wird.

Bei allen Überlegungen, die den Beitritt der Neutralen zum Gegenstand haben, sollte der Grundsatz gelten „Was Europa nützt, nützt der EWG“. Darf man im Ernst glauben, daß eine Lösung, bei der den Neutralen der Weiterbestand als selbständige Staatswesen gesichert bleibt, eine Gefährdung der politischen Einheit eines kommenden Europas bringen könnte? Der Schweizer vermag wenig Verständnis aufzubringen für politische Machtzusammenballungen, für deren Bestand auf lange Sicht keine Gewähr besteht und die sehr leicht dazu führen können, die Freiheitsrechte des einzelnen Bürgers einzuschränken oder auszuschalten.

Es ist völlig abwegig, zu behaupten, daß die Schweiz aus Beziehungen mit der EWG nur die als „Rosinen“ bezeichneten wirtschaftlichen Vorteile gewinnen möchte. Bekanntlich hat seit Jahrzehnten die Schweiz die niedrigsten Einfuhrzölle gehandhabt, und wo Kontingente zur Anwendung gekommen sind, hat große Liberalität geherrscht. Von schweizerischer Seite ist nie ein Schutz der Landwirtschaft gefordert worden, der sich nicht durch die topographische Gestaltung des Landes zwangsläufig aufgedrängt hätte. Die Verhältnisse in der deutschen und französischen Landwirtschaft lassen sich mit denen in der Schweiz nicht ohne weiteres vergleichen. Dem Schweizer Bauer in den Alpen und Voralpen würde angesichts der Ungunst des Standortes für die landwirtschaftliche Produktion bei einem ungehemmten Wettbewerb durch ausländische Güter jede Lebensmöglichkeit genommen, und hierzu will das Schweizervolk die Hand nicht bieten. Bund und Kantone geben in der Schweiz immer wieder Millionenbeträge aus, um von Lawinen bedrohte Berggemeinden durch Verbauungen zu schützen. Für das gleiche Geld könnten die Bewohner ganzer Talschaften in Hochhäusern im Tiefland untergebracht werden. Wäre dies sinnvoll und sollen wirklich in Europa nur noch materielle Gesichtspunkte über Wert oder Unwert angestammter Lebensformen entscheiden?

In dem Aufsatz über die „wilden Tiere“ wird hervorgehoben, daß die Neutralen „ihre eigene politische Bewegungsfreiheit gewahrt wissen wollen“.

Wer so redet, verkennt, daß schon im Begriff der Neutralität eine weitgehende Beschränkung der politischen Bewegungsfreiheit liegt.

Die Grundlage der Außenpolitik der Neutralen ist Nichteinmischung in die Angelegenheiten dritter Staaten. Es widerspricht dem Wesen des neutralen Staates, eine politische Bewegungsfreiheit zu beanspruchen, durch die er andere Staaten oder gar die EWG stören könnte. Er verlangt aber ein Mindestmaß politischen Eigenlebens, das er in der EWG nicht zu finden glaubt. Mit der Empfehlung „die Europäische Kommission muß also den Neutralen etwas entgegenkomen“, läßt sich die Frage nicht lösen, ob in einem kommenden Europa die Existenzberechtigung der drei neutralen Staaten bejaht oder verneint wird.