Port-au-Prince

Wie aufregend erotisch-exotisch das klingt: Haiti. Aber neben Bolivien ist dieser Teil der Insel Hispaniola das ärmste Gebiet des ganzen amerikanischen Kontinents. 30 Mark gelten hier als gutes Monatseinkommen. Die „Salinas“ von Port-au-Prince sind das schlimmste an Slums, was ich je sah. Nackte Kinder mit aufgequollenen Bäuchen stehen neben mageren Schweinen in einem unbeschreiblich stinkenden Sumpf. Keine Kanalisation, kein Strom, kaum Wasser. Wovon diese Menschen leben, ist ihr Geheimnis. Haiti hat 3,4 Millionen Einwohner. 90 Prozent sind Analphabeten. Haiti ist vollberechtigtes Mitglied der Vereinten Nationen und der „Organisation der amerikanischen Staaten“. Seine Stimme gab unlängst in Punta del Este den Ausschlag, als der US-Außenminister Dean Rusk beantragte, Castros Kuba aus der „Organisation der amerikanischen Staaten“ auszuschließen. Haiti war die 14. Stimme, die Rusk zur Zweidrittelmehrheit brauchte. Was die Stimme kostete, stand nicht in der Zeitung.

Die Angelegenheit ist aus zwei Gründen interessant. Sie zeigt, wie bedeutungsvoll unterentwickelte und an sich machtlose Staaten im Gefüge internationaler Organisationen werden können, und sie zeigt, wie ungut und verfahren die Beziehungen des größten amerikanischen Staates, der USA, zu den meisten anderen amerikanischen Staaten sind.

Ähnlich wie die Dominikanische Republik, steckte Haiti ständig durch Staats-Schuldverschreibungen in der Finanzklemme. Zwischen 1911 und 1915 wurde ein haitianischer Präsident in seinem Palast in die Luft gesprengt, einer vergiftet, drei weitere durch Revolutionen beseitigt. Nach dem „Modell der Intervention“ besetzten daraufhin die „US-Marines“ das Land. Sie sorgten dafür, daß die Nationalschuld allmählich abgebaut wurde und errichteten Schranken gegen Anarchie und Korruption – die dominierenden Gewalten Haitis von jeher und auch heute. Militärregierungen paßten schlecht zu F. D. Roosevelts „good-neighbour-policy“, der Politik der guten Nachbarschaft gegenüber den anderen amerikanischen Staaten. So zogen 1934 die US-Marine-Infanteristen auch aus Haiti ab. Die Amerikaner behielten aber bis 1941 eine direkte und bis 1947 eine indirekte Finanzkontrolle.

Millionen kamen um

Und welche Situation fand ich vor – 1962? Sie ist nur zu verstehen, wenn man mehr von der Geschichte dieser Insel kennt. Die Ureinwohner der Karibischen Inseln, die Aruak- und Sibone-Indianer, wurden erbarmungslos ausgerottet; vor allem von Spaniern, Franzosen und Engländern. Aus Afrika importierten die weißen Pflanzer schwarze Sklaven. Millionen kamen an – Millionen kamen um, unterwegs und in den Plantagen. Der europäische Reichtum des 18. und 19. Jahrhunderts beruhte zu einem guten Teil auf der Arbeit schwarzer Sklaven in anderen Teilen der Welt. Der lohnendste Exportartikel der Karibischen Inseln war und ist das Zuckerrohr und der aus ihm gewonnene Rum. Das Schneiden und Verarbeiten von Zuckerrohr aber ist in diesem Klima eine sehr harte Arbeit, und diese Arbeit wurde von menschlichen Arbeitstieren verrichtet, verschlepppten afrikanischen Negern. Vom 16. bis zum 19. Jahrhundert wurden hier Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, die an Umfang und Grausamkeit den Verbrechen gegen die Menschlichkeit im 20. Jahrhundert nicht nachstehen.

Haiti sah den ersten Sklavenaufstand der Geschichte, der zu einer fast vollständigen Ausrottung der Weißen, in diesem Falle französischer Pflanzer führte und zu einer Unabhängigkeitserklärung der ehemaligen Sklaven bereits um die Wende des 17. zum 18. Jahrhundert. Ein Expeditionskorps, das Napoleon schickte, kapitulierte 1803. Ein Neger namens Jean Jacques Dessalines erklärte sich zum ersten „Kaiser von Haiti“. Die eineinhalb Jahrhunderte seither sind eine Folge von Diktaturen, die sich tödlich bekämpften und doch einander nur allzu sehr glichen. Mord und Totschlag landauf landab; niemals gewann das Volk selbst eine Stimme, und auch heute hat es keine.