Von Marcel Reich-Ranicki

Ende Januar 1927 lernte Kurt Tucholsky auf einem Ball die Berlinerin Lisa Matthias kennen. Was sich zwischen ihm und dieser Dame innerhalb von einigen Jahren abgespielt hat, war dem deutschen Leser bisher nicht bekannt. Doch sind wir von den Qualen einer so beschämenden Unwissenheit endlich befreit worden. Frau Lisa Matthias, die sich gedrängt fühlte, ihre Erinnerungen aufzuschreiben, hat sich – gewiß nach längeren und dramatischen inneren Kämpfen – dazu entschlossen, sie der Literaturgeschichte und der Öffentlichkeit nicht vorzuenthalten.

„Ich war Tucholskys Lottchen – Text und Bilder aus dem Kintopp meines Lebens“ ist ihr Buch betitelt, das der Marion von Schröder Verlag in Hamburg zugänglich gemacht hat. Es umfaßt 360 Seiten und kostet in Leinen 19,80 DM. Für das Geld wird nicht wenig geboten.

„Er brachte mich“ – nach jenem Ball – „um 4 Uhr früh nach Hause und – nach oben.“ Preisfrage: Was geschah wohl oben? Wir hängen an den Lippen der Erzählerin, die Spannung ist kaum noch zu ertragen. Aber der geneigte Leser irrt sich in seinen unzüchtigen Vermutungen: Es geschah nichts, denn Frau Matthias hatte „Bedenken praktischer – nicht moralischer Art“.

Einige Tage später scheinen die Schwierigkeiten praktischer Art nicht mehr aktuell gewesen zu sein: „Vorsichtshalber habe ich zu unserem Rendezvous mein Nachtzeug in einer Aktentasche mitgenommen ...“

Nachher konstatierte Tucholsky: „Dich quatscht man sich ins Bett.“ Frau Matthias hält es für erforderlich, uns diesen Ausspruch zu erläutern: „Es bedurfte tatsächlich einer Reihe entscheidender geistiger Kontakte, ehe ich mich einfangen ließ.“

Die erste Nacht war jedoch enttäuschend: „Orgasmus ohne Liebe ist mir unmöglich“ – verrät uns Frau Matthias. Auch hat sie damals so gut wie gar nicht geschlafen, „weil Kurtchen fürchterlich schnarchte“.