Der Kreditanstalt für Wiederaufbau sind drei bedeutsame Funktionen zugewiesen. Ihre traditionelle Betätigung liegt auf dem Gebiet der langfristigen Investitionsfinanzierungen im Inland. Weiterhin befaßt sich das Institut seit Jahren mit der langfristigen Exportfinanzierung. Durch Gesetz wurde ihr im Oktober 1961 die Aufgabe einer deutschen Entwicklungsbank übertragen. Es ist offensichtlich das Bestreben des Instituts, keine dieser Aufgaben zugunsten eines anderen Geschäftszweiges verkümmern zu lassen. Die KW sieht im Gegenteil in der Kombination der verschiedenen Geschäfte für sich Möglichkeiten, die ein auf nur eine Aufgabe ausgerichtetes Spezialinstitut nicht durchführen könnte. Das gilt nicht zuletzt von der langfristigen Exportfinanzierung, die jetzt, da das deutsche Auslandsgeschäft sich wieder zähflüssig und schwierig gestaltet, von erheblicher Bedeutung werden kann.

Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als ob das, was die KW bisher getan hat (es wurden nur 150 Mill. DM als Kredite für diese Zwecke herausgelegt), nicht gerade überwältigend war. Dieser Schein trügt. Die langfristige Exportfinanzierung ist in Deutschland so aufgebaut, daß immer ein Institut das andere ablöst. Am Anfang stehen in der Regel die Hausbanken, die die Fertigung finanzieren; das gehört zu ihrem ureigentlichen Geschäft. Ist die Anlage ins Ausland verbracht, dann gestaltet sich die Finanzierung für Hausbanken schwieriger, weil sie die ihr kurzfristig zur Verfügung gestellten Mittel nicht langfristig festlegen können. In der Regel werden die Kredite dann von der Ausfuhrkreditanstalt abgelöst. Diese gewährt Darlehen bis zu vier Jahren. Für die verbleibende Restlaufzeit erfolgt eine Anschlußfinanzierung durch die KW. Dieses Finanzierungsmodell erlaubt es zum Beispiel einer Maschinenbauanstalt, die sich im Ausland um einen großen Auftrag bemüht, in gleicher Weise wie ihre ausländische Konkurrenz langfristige Finanzierungen anzubieten. Voraussetzung ist naturgemäß, daß die verschiedenen Anschlußfinanzierungen auch wirklich funktionieren. Der Exporteur verlangt deshalb entsprechende Zusagen von den Banken, weil er ohnedem seinen Vertragspartnern keine verbindlichen Erklärungen abzugeben vermag. Im Jahre 1962 eine verbindliche Kreditzusage für 1967 zu geben, ist aber eine schwere Sache, auch für die KW. Sie vermag dies nur, insoweit sie sicher ist, daß 1967 die entsprechenden langfristigen Mittel ihr auch wirklich zur Verfügung stehen. Als Institut des langfristigen Kredites weiß sie aber genau, mit welchen Rückflüssen sie aus den inländischen Investitionskrediten rechnen kann. (Das Auslandsgeschäft mit seinem Transferrisiko bietet hierfür keine hinreichende Sicherheit.) Daher vermag die KW langfristige Exportfinanzierungszusagen nur zu geben, wenn sie ihr traditionelles Inlandsinvestitionsgeschäft sorgsam pflegt und auf eine breite Basis stellt. Tatsächlich hat die KW für die langfristige Exportfinanzierung nicht nur 150 Mill. DM ausgezahlt, sondern darüber hinaus verbindliche Kreditzusagen im Betrag von 450 Mill. DM gegeben und weiterhin noch Reservierungen in einem Gesamtvolumen von weit mehr als 750 Mill. DM vorgenommen, ein Betrag, der allerdings niemals voll in Anspruch genommen werden wird.

Die Pflege der langfristigen Exportfinanzierung ist nur ein Grund – und nicht einmal der wichtigste – für die volle Aufrechterhaltung der Investitionsfinanzierung im Inland. Auf sie kann aus allgemein wirtschaftlichen Gründen nicht verzichtet werden. Die KW wird von jeher nur dort tätig, wo die Geschäftsbanken ihren Kredit nicht zur Verfügung stellen können oder wollen. Nun gibt es in unserem eigenen Land weite Entwicklungsbereiche, denen durch zinsgünstige Kredite geholfen werden muß. Zu nennen ist hier u. a. die Wasserwirtschaft mit ihren verschiedenen Sparten, wie Wasserversorgung, Abwasserbeseitigung und Reinhaltung der Wasserschätze. Die entsprechenden Vorhaben sind außerordentlich bedeutungsvoll, lassen sich aber vielfach nur schwer wirtschaftlich gestalten. Auf dem Gebiet der Wasserwirtschaft wird die KW daher auch künftighin recht aktiv sein. – Kaum minder bedeutungsvoll ist die Versorgung der nichtemissionsfähigen Industrie mit marktgerechten, dennoch aber zinsgünstigen Krediten.

Das sind nur zwei, allerdings recht bedeutungsvolle Beispiele, die zeigen, daß die KW im Inlandsgeschäft bleiben muß. Von ihr wurden 1961 an inländischen Investitionskrediten 750 Mill. DM herausgelegt; wirtschaftlich hinzuzurechnen sind weitere 250 Mill. DM, die formal als Auslandskredite geführt werden, weil die entsprechenden Objekte sich im Ausland befinden (Wasserkraftwerke in Österreich und an der deutsch-luxemburgischen Grenze, die Strom in das deutsche Netz liefern werden). Insgesamt hat die KW der deutschen Wirtschaft auch im vergangenen Jahr eine runde Milliarde an Investitionskrediten zur Verfügung gestellt.

Durch die der KW im vergangenen Herbst zugewiesenen Funktion einer deutschen Entwicklungsbank hat das Inlandsgeschäft deshalb nicht an Bedeutung verloren. Die Mittel, welche die Anstalt Entwicklungsländern zur Verfügung stellt – es ging hierbei in 1961 um Kreditzusagen im Betrag von 1,4 Mrd. DM – fließen ihr aus neuerschlossenen Quellen zu. Zu nennen sind die Entwicklungsanleihe der deutschen Industrie, ein 500-Mill.-Darlehen des Bundes aus Mitteln, die bei dem Verkauf von VW-Aktien anfielen, eigene Haushaltsmittel des Bundes u. a. Weiter haben die Länder eine halbe Milliarde als Entwicklungshilfe zur Verfügung gestellt. Alles in allem hat sich die Position „Gläubiger“ in der KW-Bilanz 1961 von 4,8 auf 6,5 Mrd. DM erhöht. Dieser starke Mittelzufluß hat zunächst die Liquidität des Institutes wesentlich verbessert. Am Bilanzstichtag verfügte die KW über eine halbe Milliarde an baren Mitteln und Bankguthaben, weiterhin besaß sie Schatzanweisungen der amerikanischen Regierung von weit mehr als 600 Mill. DM. Diese schöne Liquidität wird nicht ewig bleiben; sie wird im gleichen Zuge verschwinden, wie Kredite ausgezahlt werden. Die Auszahlungsverpflichtungen der KW im In- und Auslandsgeschäft belaufen sich zur Zeit auf etwa 1,5 bis 1,75 Mrd. DM. Es besteht also ein Überhang, der, wenn er auch niemals ganz verschwindet, die Bank wieder vor die Notwendigkeit stellen wird (schon in allernächster Zeit), sich um neue Mittel zu sorgen. Zu erwähnen ist schließlich noch, daß neben den im eigenen Namen und unter dem Obligo der KW an Entwicklungsländer herausgelegten Krediten die Anstalt im großen Umfange ein Treuhandgeschäft für Rechnung des Bundes betreibt. Die entsprechende Position der Bilanz beträgt 1,6 Mrd. DM. Sicher ist es; nicht so, als ob alles das, was sich hinter diesem: Posten versteckt, Geschäfte mit einem besonders? hohen Risiko sind, die eines Tages den Steuerzahler belasten können. Die objektgebundenen Kredite, die die KW herauslegt oder verwaltet, sind – einerlei, ob sie als Debitoren (auch diese sind 100 % bundesverbürgt) oder als Treuhandgeschäfte verbucht werden – wirtschaftlich gesund. Es wird von der KW sorgfältig darauf geachtet, daß die finanzierten Stellen in der Lage sind, marktübliche Zinsen zu erwirtschaften (Ausnahmen gibt es höchstens bei Infrastruktur-Finanzierungen). W. R.