Von Heinz Ludwig Arnold

Siegfried Lenz sieht Jünger als den Typus, der in sich die Distanz zur Umwelt trägt, aus der heraus er – ohne menschliche Bindungen zu ihr, ohne Verantwortungsgefühl für sie – über sie Bericht erstattet und nach der fast wissenschaftlichen Analyse seine Prognose stellt.

Es kann nicht bestritten werden, daß der Anschein für solch eine Vermutung besteht. Doch der Anschein trügt. Denn es ist unrichtig, wenn Lenz behauptet, Jünger glaube, sich die Unschuld am Geschehenen durch Teilnahmslosigkeit, Unberührtheit von der Geschichte zu erhalten. Bücher wie die „Stahlgewitter“, das Abenteuerliche Herz“, die, Friedensschrift, „Der Waldgang“ beweisen Jüngers Teilnahme.

Siegfried Lenz spricht Jünger das spezifisch Menschliche ab: Mitmenschlichkeit, Mitleid, Mitempfinden, Fähigkeit zu humaner Korrespondenz überhaupt. Aus diesen Attributen komponiert Lenz seinen Typus, bei dem „geschärftes Bewußtsein und eine verwunderte Unschuld einträchtig nebeneinander bestehen können“: also die exakte Kenntnis der Lage ohne (das Böse abwehrenden oder das Gute fördernden) Eingriff in sie, kurz Unbeteiligtheit.

Gewiß, Jüngers Satz aus dem „Abenteuerlichen Herz“ erklärt sein Prinzip: „Unter der Schleife verstand Nigromontan eine höhere Art, sich den empirischen Verhältnissen zu entziehen. So betrachtete er die Welt als einen Saal mit vielen Türen, die jeder benützt, und mit anderen, die nur wenigen sichtbar sind.“

Doch gilt dieses Prinzip nur als künstlerisches, philosophisches. Jüngers Menschlichkeit läßt sich ähnlich nicht in Formeln einfangen, vielleicht käme ihr aber seine Maxime „Liebend erkennen“ nahe. Er lebt sie und macht kein Aufhebens davon, tritt da dem Publikum nicht in Erscheinung, dessen sentimentalische Vorliebe für solche Dinge, dessen Konventikelbildung (gerade mit und um seinen Namen ist sie häufig) er verachtet.

Als letzte sei noch eine der schönsten Stellen des „Waldgangs“ zitiert, die deutlicher Jüngers von Lenz verneinte Haltung nicht mehr aufweisen kann: „Ein Wunder muß geschehen, wenn man solchen Wirbeln entkommen soll. Und dieses Wunder hat sich unzählige Male vollzogen, nämlich dadurch, daß inmitten der unbelebten Ziffern der Mensch erschien und Hilfe spendete. Das galt bis in die Gefängnisse, ja, gerade dort. In jeder Lage und jedem gegenüber kann so der einzelne zum Nächsten werden – darin verrät sich sein unmittelbarer, sein fürstlicher Zug. Der Ursprung des Adels liegt darin, daß er Schutz gewährte – Schutz gegenüber der Bedrohung durch Untiere und Unholde. Das ist das Kennzeichen der Vornehmen, und es leuchtet noch auf im Wächter, der einem Gefangenen heimlich ein Stück Brot zusteckt. Das kann nicht verlorengehen, und davon lebt die Welt.“