Im Mittelpunkt der Gespräche mit Kennedy: die EWG

London, Anfang Mai

Es ist etwas über drei Jahre her, seit Macmillan, mit einer weißen Pelzmütze auf dem Kopf, als ehrlicher Makler zwischen West und Ost erschien. Einige Monate später, bei den Oktoberwahlen 1959, entschied sich eine beträchtliche Mehrheit der Wähler wieder für die Konservativen. Kein Wunder, daß in gewissen konservativen Kreisen ein Kinderglaube an die magische innerpolitische Wirkung von Macmillan-Reisen herrscht – was immer die außenpolitische Wirkung sein mag. Es wird dieses Mal nicht bei Washington und Ottawa bleiben. Im Juni fährt der Premierminister nach Paris, um Präsident de Gaulle in Person zu konfrontieren. Und die Vermutung liegt nahe, daß in absehbarer Zeit auch Bonn an die Reihe kommen wird.

Natürlich fuhr Macmillan nicht nur darum nach Amerika, weil er hoffte, seine eigene, getrübte Popularität werde durch den Widerschein des großen Ansehens, das Präsident Kennedy gegenwärtig genießt, neuen Glanz erhalten. Aber er fuhr auch nicht hin, weil er glaubte, in entscheidenden Ost-West-Fragen wie Berlin oder Kernwaffenteste einen besonderen britischen Standpunkt durchsetzen zu müssen oder zu können.

Was Berlin betrifft, so kann er sich mit Recht sagen, daß Kennedy heute eine Politik verfolgt, welche die Amerikaner dem britischen Premierminister seinerzeit so übelnahmen, als er sie vorzeichnete. In der Frage der Kernwaffenversuche aber kommt es auf Moskau an, und London kann nicht viel mehr als fromme Wünsche vorbringen.

Der wichtigste konkrete Zweck der Reise war ohne Zweifel, Kennedy in der EWG-Frage zu beeinflussen. Jetzt, da die Brüsseler Verhandlungen in die entscheidende Phase eintreten, wollte Macmillan den äußersten Versuch machen, die doktrinäre Starrheit zu mildern, welche die Engländer an der EWG-Politik der Kennedy-Administration kritisieren.

Außenpolitisch besteht viel größere Übereinstimmung zwischen London und Washington als zwischen Washington und Paris; die Haltung de Gaulles zu Kennedys Berlin-Politik ist nur ein Beispiel. Aber in Fragen der EWG besteht eine viel größere Übereinstimmung zwischen Washington und Paris. Auf Kennedy, der selbst so manches Lied davon zu singen hat, wie schwierigde Gaulle sein, kann, sollte die ernste Warnung nicht ohne Wirkung geblieben sein, die Macmillan aussprechen mußte – vielleicht auch nicht der Appell an seine eigene direkte Mitwirkung in dieser letzten Phase der Verhandlungen. Die Schaffung der EWG mit Einschluß Großbritanniens ist immerhin für Kennedy von ganz entscheidender Bedeutung.

Daß aber Macmillan bei seiner New Yorker Rede vor den Zeitungsverlegern Amerikas zwei Beispiele erwähnte, wie in vergangenen Jahrhunderten das Machtstreben Frankreichs auf dem Kontinent Großbritannien Schwierigkeiten bereitet hatte und wie Königin Elisabeth I. und Königin Anna damit fertig werden mußten – das geschah wohl nicht ohne Absicht. Martin Wieland