Eine ungewöhnliche Frau schrieb Texte, die „unter die Haut kriechen“

Von Willi Bongard

Und schnelle Fahrt nach Hamburg zu Nivea. Die hatten geschrieben: nur ja keine Verse. Ich dichtete aber sehr schöne in der Bahn, und als ich sie den fünf Direktoren vorlas, klatschten sie in die Hände, einer holte eine Geige und begleitete aus dem Kopf. Das ist doch ein Erfolg!“

Und ob das ein Erfolg war! Um was für Verse es sich hier genau gehandelt hat, ist zwar heute – drei. Jahrzehnte später – nicht mehr zu rekonstruieren. Es ist auch uninteressant im Vergleich zu der Tatsache, daß sich hier eine Frau mit ihren Werbeideen durchsetzen konnte, eine Frau, der es wahrhaftig nicht an der Wiege gesungen worden war, daß sie den Lebensunterhalt ihrer Familie einmal mit „Reklame“ bestreiten würde ...

Ihr Vater war ein berühmter Mann, seines Zeichens Professor der Nationalökonomie, Schöpfer der allen Studenten des Faches geläufigen „Staatlichen Theorie des Geldes“. Die Karriere der Tochter führte denn auch – über den Umweg eines Lehrerinnenexamens und der darauf folgenden Gründung eines Privat-„Schülchens“ – zur Universität. Freiburg und Berlin waren die Stationen des Studiums der Volkswirtschaftslehre – für eine Frau in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ein durchaus ungewöhnliches Unterfangen. Sie war ihrer Zeit voraus. Um etliche Nasenlängen. Die Professorentochter ging nicht nur eifrig ins Kolleg, sondern auch in den Reichstag (als aufmerksame Zuhörerin). Sie betätigte sich schon bald journalistisch, hielt Vorträge, verschaffte sich durch Mitarbeit in der Armenverwaltung Einblick in die sozialen Verhältnisse ihrer Zeit – und lernte u. a. einen jungen Gelehrten mit Namen Theodor Heuss kennen, mit dem sie bald ein lebenslanges Band verknüpfen sollte.

„Ich werde Reklamefachfrau!”

Als ihr Mann im Mai 1933 aus seinem Lehramt an der Deutschen Hochschule für Politik entlassen wird und wenig später auch sein Reichstagsmandat verliert, ist es an Elly Heuss-Knapp, die Familie über die Runden zu bringen und eine neue Existenz aufzubauen. Wie sie das macht, zählt zu den bewunderungswürdigsten Kapiteln im Leben dieser Frau, die später an der Seite ihres Mannes mit unvergessener Würde als First Lady die junge Bundesrepublik vertritt.