Caspar David Friedrich (1774-1840)

Das Segelschiff

Das einsame Schiff von Caspar David Friedrich hat lange in meinem Arbeitsraum gehangen. Als ich es zu meinem Gefährten wählte (für je ein paar Jahre wie seine Vorgänger auch), war es ein sehr vordergründiger und durchaus nicht künstlerischer Impuls, der mich den Kontakt mit diesem Bilde aufnehmen ließ: nämlich die pure Freude an einem großen Segler und am Element des Meeres. Caspar David Friedrich stand mir damals noch viel zu fern, als daß mir dieses Bild noch für andere Botschaften hätte transparent werden können.

Je mehr das Bild nun unter dem Einfluß des täglichen Umgangs eine Wandlung erfuhr und zum Kristallisationspunkt von allerhand meditativen Gedanken wurde, um so klarer profilierte sich die eigentliche Botschaft, die es mir zu übermitteln schien. Ich drücke es absichtlich in so persönlicher Tönung aus, weil mir die Ehrlichkeit verbietet, den Anschein zu erwecken, als sei bei der Wahl dieses guten Bild-Gefährten auch nur im mindesten ein Bildungs- oder kunstgeschichtliches Interesse im Spiel gewesen.

Was mich mehr und mehr anrührte, war dies: Hier trat mir die menschenlose Natur entgegen, das Preisgegebensein an ein unfühlendes Element. (Mir ist erst später klargeworden, wie sehr es sich hier um einen cantus firmus im Werk Friedrichs überhaupt handelt.) Auch das Schiff war gerade nicht das, was ich selbst immer suchte, wenn ich zur See fuhr: Es war nicht der umfriedete Raum der Geborgenheit inmitten des elementar Grenzenlosen; es war kein Bezirk des humanum, der den Elementen abgetrotzt und in dem ein Wildes gezähmt und urbar gemacht war. Sondern es war ein Geisterschiff, ein Fliegender Holländer, nicht nur einsam inmitten einer, dämmrigen Wasserwüste, sondern selber Einsamkeit ausstrahlend.

Wie teilnahmslos kann das grandios Schöne sein! Wie werden hier plötzlich „romantische“ Landschaften, die in der ersten Begegnung verklärt und überhöht scheinen mögen, zu einem hintergründigen Bekenntnis der Verlassenheit – einer Verlassenheit, wie sie der Raumfahrer Titow erleben machte, als er inmitten der Farbenfaszination des Universums von einer Sehnsucht nach irdischen Steppen (und einsamen Häusern darin!) sprach, und wie sie der „tote Christus“ bei Jean Paul zum Ausdruck bringt, wenn er von seiner Schreckensfahrt durch das vater- und seelenlose All spricht, in dem wir alle Waisen seien und das nur den „riesigen Leichnam der Natur“ bedeute.

Das „Kreuz im Gebirge“ unter den rosigen Sonnenuntergangswolken, das ich Kunstbanause immer als ein bißchen kitschig empfunden hatte, ging mir angesichts dieses Fliegenden Holländers plötzlich in seinem Sinn auf: Wenn dieses Kreuz verschwindet und der Hohepriester mit seinem Mitleiden sich entfernt, dann werden alle Sonnenuntergänge zur verzehrenden Glut, und dann wird das Ästhetische zum Phobos der Seelenlosigkeit.