Wieder einmal schlägt der Kampf um den Ball, dessen Lauf mit den Füßen bestimmt wird, die Menschen ganz in seinen Bann. Für viele ist es gar nicht das Spiel an sich, sondern sein Fluidum, das ansteckend wie ein Bazillus auf sie wirkt. Die Dramatik der deutschen Fußballmeisterschaft ist in diesem Jahr noch geballter als sonst. Statt der üblichen sechs, sind es wegen, des bevorstehenden Weltturniers in Chile nur drei Spieltage, die darüber entscheiden, wer am 12. Mai, zum Endspiel ins Berliner Olympiastadion einzieht. Vor dem letzten Spieltag sieht es so aus, als ob zwei Vereine gleichen Namens, der „Erste Fußballclub Köln und der aus Nürnberg, die Gegner sein werden. Wie unsicher ist es aber, hier zu prophezeien, wo dem Zufall soviel Raum gegeben ist und wo sogar die menschliche Schwäche der Schiedsrichter noch hinzukommt. Obwohl heute schon praktisch ein Ober- und zwei Unterschiedsrichter amtieren – die Linienrichter übernehmen vor allem beim „Abseits“ diese Rolle – kam es dennoch zu krassen Fehlentscheidungen.

Die Männer mit der Trillerpfeife haben es immer schwerer, da die Spiele immer schneller werden. Er müßte schon die Schnelligkeit eines Armin Hary mit der Ausdauer eines Zatopek verbinden, wollte der „Schiri“ immer auf der Höhe des Balles sein.

Und dann diese Fernsehkameras, die so heimtückisch sind und nicht einmal surren! Am gleichen Abend wird dem armen Schiedsrichter wie einem Schulbuben sein Fehler vor Millionen kritischer Zuschauer nochmals im Film vorgehalten und dann gar in Zeitlupe demonstriert, so daß der letzte Zweifel schwindet. Jedermann sieht es genau, der Schalker Stürmer wurde im Strafraum überhaupt nicht „gehakt“, er ließ sich nur mit der Routine eines Hollywooddoubles mitten im Lauf plötzlich so kunstgerecht über das Bein eines Gegners fallen, daß der Schiedsrichter dem Kausalgesetz folgend, von der Wirkung auf die Ursache schloß und ganz zu Unrecht einen Elfmeter verhängte. Fortuna griff aber selbst ein, um die Waage der Gerechtigkeit wieder auszubalancieren, als sie den Mann mit der Pfeife nochmals einen Fehler machen ließ, der zum verdienten, aber nicht korrekten Ausgleichstreffer der Tasmanen führte.

Aber nicht immer war es so; die Borussen, die Außenseiter aus Neunkirchen, die sowohl die „Knappen“ als auch die Nürnberger mit jeweils 2 : 0 schon am Rande der Niederlage hatten, wurden durch ein offensichtliches Abseitstor gegen Schalke benachteiligt. Bei sechs Spieltagen können solche Irrtümer wenigstens teilweise wieder gutgemacht werden. Aber dieses halbe Pokalsystem mit K.o.-Charakter komprimiert die Spannung noch bis zum äußersten. Aber sportlich gerecht ist es oft nicht!

Aber was ist überhaupt noch Sport bei diesen Fußballschlachten, die Hunderttausende so verhexen? Der Ruf nach dem Mammutstadion im „Kohlenpott“ erschallt kaum aus sportlichen Motiven. Ob 50 oder 100 000 untätige Zuschauer den 22 Akteuren zujubeln oder sie auspfeifen, ist für die Sportbewegung ziemlich belanglos. Es sind finanzielle, aber auch innen- oder kommunalpolitische Beweggründe, verbrämt mit dem Deckmantel des Sports, welche heute die Großarenen entstehen lassen, von denen wir schon sowieso zu viele haben. Ist es nicht bezeichnend: Als in der Mitte der zwanziger Jahre die großen Sportfelder von den Städten erbaut wurden, verstand man unter Stadion noch einen ganzen Komplex von Sportstätten für viele Sportarten, heute baut man nur noch die Fußballarena. Alles andere schenkt man sich!

Und auch der immer unerbittlicher werdende Kampf um die „Viktoria“, die irgendwo in Sachsen

stehtund durch einen Silberteller ersetzt würde, geht immer mehr um den Marktwert dieses Titels, der die Berechtigung zur Teilnahme am Europapokal verleiht.