Die bisher veröffentlichten Bilanzen und Geschäftsberichte für das Jahr 1961 haben deutlich gemacht, daß es der Mehrzahl der führenden Unternehmen noch recht gut geht, daß aber überall die Ertragskraft geringer geworden ist. Der Wettbewerb wurde größer, daneben zehren die Kostensteigerungen (besonders auf dem Personalgebiet) an der Gewinnmarge. Auf die gegenüber dem glänzenden Jahr 1961 veränderte Situation haben die deutschen Aktienmärkte mit einer kräftigen Herabsetzung des gesamten Kursniveaus reagiert. Von Wachstumsphantasie, einstmals treibendes Haussemoment, ist keine Rede mehr. Mit den jetzt erreichten Notierungen glaubte man bislang der neuen Lage Rechnung getragen zu haben. Das Hauptinteresse gilt der Zukunft und damit der Frage: Wird es gelingen, der Kosteninflation Einhalt zu gebieten, oder wenigstens ihre Folgen durch eine entsprechende Korrektur der Preise abzuwehren ? Da es wenig realistisch erscheint, in einer Zeit der Vollbeschäftigung konstante Personalkosten zu erwarten, richtet sich das Hauptaugenmerk der Anleger auf das Problem der Preise. An der Kursentwicklung konnte man deutlich ablesen, in welchen Branchen der Kapitalmarkt Chancen für die Erhaltung der bisherigen Gewinnmargen sah. Angesichts des harten Wettbewerbs sind sie natürlich dünn gesät.

Was geschieht aber, wenn eine Branche oder ein Unternehmen von außen her gehindert wird, seine Marktchancen zu nutzen, so wie wir es jetzt in der Automobilindustrie erlebt haben? Dann nimmt man dem Aktiensparer die Hoffnung auf eine Überwindung des zur Zeit unbefriedigenden Zustandes. Er sieht, daß Wirtschaftspolitik auf seinem Rücken ausgetragen werden soll. Kein Wunder, wenn deshalb in den letzten Tagen das Publikum völlig; von den Börsen fernblieb. Es ist erstaunlich, daß es nicht mit neuen umfangreichen erstaunlich, reagiert hat, wie es in den USA der Fall gewesen ist, als Präsident Kennedy die amerikanischen Stahlkonzerne zwang, Preiserhöhungen rückgängig zu machen. Über die Berechtigung des Eingreifens im Einzelfall wird man streiten können. Die Gefahr für den Kapitalmarkt liegt jedoch darin, daß sich hier ein neuer Stil der Wirtschaftspolitik entwickelt, der praktisch zu der von sozialistischer Seite geforderten Umverteilung der Gewinne führen muß.

Bislang galt der Bundeswirtschaftsminister der Bundesrepublik im Ausland als ein Garant für die freie Wirtschaft und für die freie Unternehmerentscheidung. In einem solchen Wirtschaftsklima fühlte sich das ausländische Investitionskapital wohl. In den letzten Monaten hielten sich jedoch die ausländischen Käufer deutscher Aktien merklich zurück. Das hatte nicht nur außenpolitische Gründe, daneben spielten auch Konjunkturbefürchtungen eine Rolle. Jetzt kommt das Mißtrauen in die künftige deutsche Wirtschaftspolitik hinzu. Deshalb erwartet niemand in nächster Zeit massierte Kaufaufträge von ausländischer Seite. Und damit spricht man eigentlich schon das Urteil über die Börsenentwicklung der nahen Zukunft, denn ohne Beteiligung der ausländischen Käufer wird es an den deutschen Aktienmärkten schwerlich zu einer durchgreifenden Kurserholung kommen.

Eine etwaige Resignation der Aktiensparer wird die Gesellschaften vor ein schweres Problem stellen. Ein stagnierender Aktienmarkt erweist sich bei Neuemissionen erfahrungsgemäß als relativ unergiebig. Eine Zeitlang wird man sich das dringend erforderliche Investitionskapital noch auf anderen Wegen (so zum Beispiel über den Rentenmarkt) beschaffen können, aber das hat Grenzen, die in der Wohlausgewogenheit der Bilanzen liegen. Eines Tages wird man beim Aktionär um neues Kapital anfragen müssen und dann wird das Börsenklima entscheidend sein. Und darin sehen die Kapitalmarktexperten eine Chance. Sie sind der Meinung, daß die Investitionsfinanzierung auf die Dauer nur mit Hilfe des privaten Sparkapitals gesichert werden kann und es sich deshalb keine Regierung auf die Dauer erlauben darf, den Wert der Aktie durch einseitige Eingriffe auszuhöhlen. Aber man ist sich darüber im klaren, daß, diese Einsicht vorläufig von Bonn noch nicht erwartet werden kann. Dazu bedarf es handfester Zeichen einer drohenden Konjunkturflaute. Unter diesen Umständen fragt man sich mit Recht: Ist nach Lage der Dinge mit einer Aufwärtsbewegung der Aktienkurse zu rechnen?

Bescheidene Hoffnungen setzt die Börse auf die politische Entwicklung. Sie glaubt, in diesem Jahr keine ähnlichen dramatischen Ereignisse befürchten zu müssen wie im Jahre 1961. Ein Berlin-Kompromiß scheint sich anzubahnen. Er wird wahrscheinlich nicht den Beifall aller Beteiligten finden. Man hofft jedoch, daß er zu einer allgemeinen Entspannung beiträgt und letzten Endes den jetzigen Druck von der ehemaligen Reichshauptstadt nimmt. Die Börsenspekulation hat sich deshalb in letzter Zeit etwas mehr für die Aktien jener Unternehmen interessiert, die in Berlin ihren Sitz haben oder dort über Betriebsstätten verfügen. An den Kursen konnte man davon nichts merken. Doch vielleicht trug die freundlichere Beurteilung der Berlin-Werte zu der glatten Notierung der AEG-Bezugsrechte bei.

Kurt Wendt