Darf man ihm glauben, dem Mister Galanos, der kürzlich amerikanischen Frauen vorwarf, daß ihr „scrubbed look“, ihr auf Hochglanz gewienertes Aussehen, nicht zu ertragen sei? Die Amerikanerin werde deshalb immer langweiliger, sagt er, und die Palme des Gutangezogenseins gebühre – der Europäerin.

Man muß sich fragen, mit welcher Berechtigung dieser Mann die Amerikanerin in so ungalanter Weise anschwärzt und ihre Schwestern jenseits des Atlantiks in enthusiastischen Hymnen lobpreist. Nun, Jimmy Galanos ist ein „Top-Designer“ und Konfektionär von Rang: Er besitzt in Los Angeles eine Fabrik, deren nicht unerhebliche Produktion er für 900 bis 1800 Dollar je Kleid an eine zahlungskräftige Kundschaft absetzt. Man könnte also annehmen, daß dieser anerkannte Modefachmann alle Ursache hätte, glücklich und zufrieden bis an das Ende seiner Tage zu leben. So mag es für den Laien aussehen. Aber als dieser Modeschöpfer vor einiger Zeit in New York seine neue Kollektion vorführte, seufzte er: „Die Frauen in Europa mögen vielleicht nicht so ‚frisch gewaschen‘ aussehen wie unsere, aber sie sind zweifellos interessanter, Sauberkeit ist lobenswert, aber auf die Dauer eintönig und fade. Man braucht sich nur unsere vielgerühmten glatten, hochfeinen und properen ‚Beauties‘ anzusehen – neben europäische Frauen gestellt, die vielleicht sogar auch weniger reich von der Natur bedacht sind, fallen sie gründlich ab.“

Galanos behauptet, der von ihm angeprangerte „scrubbed look“ sei eine Art von Ersatz für den fehlenden Mut oder auch die Unsicherheit, ein originelles, nicht dem Klischee folgendes Kleid zu wählen: „In Europa sehen nicht nur die Frauen, die es sich leisten können, attraktiv aus, haben Charme und Individualität; auch die der bescheideneren Einkommensklassen zeigen einen hohen modischen Geschmack, den man bei uns bedauerlicherweise vermißt.“

Jimmy Galanos hat einen kritischen Geist, und so ist auch die alljährliche Aufzählung der „bestgekleideten, elegantesten“ Frauen in den USA für ihn ein Stein des Anstoßes. Er nennt sie geradeheraus eine „Liste reiferer Jahrgänge“, die von älteren Semestern zusammengestellt werde. Vor allem kritisiert er die Vorliebe der Mütter und Töchter für Klimbim und Firlefanz-Accessoires, und er macht kein Hehl daraus, daß sie sich zu sehr an kleine Kostümchen, kleine Hütchen, Perlenkettchen und kurze, kokette Handschuhe gewöhnt haben...

Wie man sieht, hat Mr. Galanos den „scrubbed look“ gründlich satt. Als er einmal in einem Restaurant eine Frau-sah, die eines seiner Modelle in vorbildlicher Weise trug – Hut, Handtasche, Handschuhe und Schuhe waren „richtig“ –, war – er ganz entzückt und sandte ihr durch den Pagen eine langstielige, rote Rose als Zeichen seiner Bewunderung. „Ich habe nie herausgefunden“, fügt Jimmy träumerisch hinzu, „wer sie war. Wahrscheinlich kam die Dame aus Europa!“

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Natürlich fühlt sich die europäische Frau – und nicht zuletzt die Konfektion – von Galanos’ guter Meinung geschmeichelt, aber wenn sie ehrlich ist, muß sie Einschränkungen machen. „Der ‚scrubbed look‘“, so könnte sie sagen, „ist nur langweilig für Galanos, weil er tagein, tagaus in New York, Los Angeles und sonstwo Frauen trifft, die wunderbar soigniert und ‚frisch gewaschen‘ aussehen. Aber wenn wir mit der typischen Amerikanerin auf Reisen zusammenkommen, fragen wir uns immer wieder: ‚Wie, macht sie es eigentlich?‘ Nicht ein Härchen am falschen Platz, das Make-up unauffällig und diskret, die Handschuhe weißer als weiß, ihre ganze Erscheinung ein Bild ohne Makel. Uns mag das, was Galanos tadelt, als eine Qualität erscheinen, die des Nachahmens wert ist.“