Planloses Wachstum wird zur Wucherung

Von Irene Zander

Erst wenn man im Flugzeug den Sicherungsgurt lockern und die Zigarette anzünden darf, gewinnt man den Blick über Stadt und Land, der den Dimensionen unserer Zeit entspricht. Erst dann löst sich die Beklemmung der endlosen Fahrt zum Flughafen. Im Tempo von mehreren hundert Stundenkilometern schießt die Stadt zusammen zu einem überschaubaren Gebilde. Mit Hilfe der Zeit wird erkennbar, daß die Stadt auch heute noch begrenzt ist. Was in den herkömmlichen Dimensionen, in denen sich Fußgänger und Autofahrer bewegen, verloren scheint, taucht wieder auf: die Gestalt der Stadt.

Im Blick über das Land wird auch der Vergangenheit ihr Rang zugewiesen: Die noch klassischen Mittelstädte, die fest mit einer Mauer umschlossenen Kleinstädte schrumpfen. Spielzeug, Kleinplastik fürs Museum. Die große Stadt aber lockt den empfindsamen Beschauer. Sie offenbart mit ihren engen dichten Spitzen und den weit ausgebreiteten Flächen Gestaltungsmöglichkeiten.

Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, von welchem Entsetzen jene Generationen ergriffen wurden, die sahen, wie die Stadt – das vertraute Bild abendländischer Kultur – ihre Form verlor. Über festgefügte Mauern schwappte eine Suppe grauer Häuser und floß ins Land. Eine Urangst vor dem Formlosen stieg auf: „Drängend fassen Häuser sich so dicht an, daß die Straßen grau geschwollen wie Gewürgte stehn.“ Bilder der Angst – bis dahin, „wo fern in Einsamkeit die letzten Häuser in das Land verirrn.“ Nirgendwo ist die Ratlosigkeit des Menschen angesichts der modernen Großstadt so bewegend ausgedrückt worden wie in der Dichtung des Expressionismus.

Formprobleme statt Gefühle

Das ist fünfzig Jahre her. Inzwischen hat sich das Zeitgefühl geändert. Man spricht nicht mehr von den Gewürgten, sondern vom dichten Kern, und nicht mehr von verirrten Häusern, sondern vom zerfransten Rand. Statt der Gefühle – Formprobleme. Die Stadt als Formproblem erkennen, heißt aber schon, die Möglichkeit einer Formung bejahen. Man faßt das Ungeheuer an, man analysiert es und findet im anscheinend Amorphen verborgene Gestalt.