Schiara? Wenn ich behauptete, dies sei eine neu entdeckte Berggruppe in Nordafrika nahe der Sahara-Wüste, würden sicherlich nur wenige erwidern, dies sei ein schlechter Witz. Und das wäre gar nicht verwunderlich. Die Schiara-Gruppe in den südöstlichen Dolomiten nahe der Provinzhauptstadt Belluno ist noch in keinem deutschsprachigen Reiseführer oder Bergbuch behandelt.

Das machte mich neugierig. Ich brach auf, das Bergland bei Belluno kennenzulernen.

Das Gebiet der Schiara-Gruppe mißt ungefähr 250 Quadratkilometer. Die südliche und östliche Begrenzung bildet die Piave, die westliche das Val Cordevole, die nördliche das Val di Zoldo. Die wichtigsten Talorte sind Belluno im Süden, Longarone im Osten, Agordo im Westen.

Charakteristisch für diese Dolomiten-Gruppe sind enge Täler, die meist in tiefen Schluchten gründen, üppige und liebliche Matten, völlig unberührte Wälder, eine außergewöhnlich reiche Flora, meist absolute Einsamkeit. Die Wanderwege in den Dolomiten sind einzeln numeriert, die der Schiara-Gruppe von 501 bis 519; sie sind durchweg unverfallbar mit den Farben rot-weißrot gekennzeichnet, Wasserstellen mit einem rotweiß-roten Dreieck angezeigt.

Besonders zu empfehlen ist allen Bergwanderern die „Via Ferrata Zacchi“ („Eisenweg Zacchi“), die auf den 2563 Meter hohen Schiara-Hauptgipfel führt. Das ist eine Wanderung, die alle Erwartungen übertrifft und die ich die großartigste Steiganlage im ganzen Alpenraum nennen möchte.

Wanderung ist vielleicht ein wenig bescheiden ausgedrückt, aber das ist das Reizvolle: man stößt auf keine Schwierigkeiten, die über dem I. Grad liegen. Der „Eisenweg“, der erst 1952 angelegt worden ist und fast unbekannt geblieben ist, wurde mit Sicherungen, Eisenleitern und so weiter ausgerüstet. Fehlten sie, müßten teilweise Schwierigkeiten des IV. Grades bewältigt werden: Mächtige Schluchten, luftige und steile Wandstufen, ausgesetzte Traversierungen. Freilich kann die „Via Ferrata Zacchi“ nicht in Stöckelschuhen begangen werden, das versteht sich, aber jeder trittsichere und schwindelfreie Wanderer darf sie ruhigen Gewissens begehen.

Als Ausgangspunkt dient das Rifugio „7° Alpini“, 1498 Meter hoch, (1 in der Skizze), auf dem Piz Pilon im obersten Val d’Ardo (CAI-Sektion Belluno, 1951 erbaut, 31 Betten, 10 Notbetten, von Juni bis September bewirtschaftet; man erkundige sich aber vor dem Aufstieg bei der CAI-Sektion Belluno).