Von Siegfried Lenz

Am 4. Mai wird Wilhelm Lehmann achtzig Jahre alt, und allerorts richtet man plötzlich das Augenmerk auf einen Dichter, dessen Werk als eine verhaltene geistige Kraft seit vielen Jahrzehnten gegenwärtig ist, der sich selber jedoch immer zurückgehalten hat, überzeugt, daß ein Gedicht, für den einzelnen bestimmt, nur aus der Einsamkeit erwachsen kann. Den größten Dienst erwies ihm zweifellos der Sigbert Mohn Verlag – er gibt in dieser Woche eine dreibändige Dünndruckausgabe von Wilhelm Lehmanns sämtlichen Werken heraus, enthaltend die sieben Gedichtbücher, die gesammelten Essays und die sehr selten gewordenen früheren Romane, Erzählungen und autobiographischen Aufzeichnungen. – Was hier folgt, sind Ausschnitte aus einem langen und ergebnisreichen Gespräch, das Siegfried Lenz mit Wilhelm Lehmann in dessen Eckernförder Heim führte. Das ganze Gespräch sendet der Norddeutsche Rundfunk in der Reihe "Porträt der Zeit im Zwiegespräch" am 5. Mai um 20 Uhr im Dritten Programm.

SIEGFRIED LENZ: Herr Lehmann, Sie gelten als der größte lebende deutsche Naturlyriker, und wir wissen, daß Sie eine Generation von jungen Lyrikern entschieden beeinflußt, ihnen entschiedene Anregungen gegeben haben. Wenn ich als sehr viel jüngerer Mann sagen darf, welchen Eindruck ich beim Lesen Ihrer Gedichte habe, so muß ich bekennen, daß mir ein wenig unheimlich dabei ist. Ständig siedet etwas, brodelt etwas, ständig kocht etwas, ständig wird etwas verborgen unter einer Haut, unter einem Pilz, ständig wird alles chiffriert, der Efeu, die Flechte auf einem Stein ist eine Hieroglyphe. Diese ganze geheimnisvolle, heidnische, magische Welt hat für mich etwas Unheimliches. Ich sagte Naturlyrik, und damit setze ich voraus, daß Sie dabei einen ganz bestimmten Begriff der Natur haben, daß Sie Natur in ganz besonderer Weise wahrnehmen und zu bestimmen versuchen.

WILHELM LEHMANN: Lassen Sie mich gleich an den Ausdruck "Naturlyrik" anknüpfen. Sollte nicht eigentlich der Gegensatz von "Naturlyrik" der Begriff "Literaturlyrik" sein? Ich will gleich einen Kritiker zu Hilfe rufen, um mir und Ihnen Klarheit zu verschaffen. Man hat mir in meinen Anfängen (nachher verstummten diese Angriffe) einen Mangel an Transzendenz vorgeworfen. Man hat mir gesagt, es handele sich da um einen grünen Dschungel, aus dem keine Rettung möglich wäre. Gut, wer Manichäer ist, wer die Materie als etwas Böses empfindet, als eine Verfinsterung des Lichts, muß so denken. Mir erstellen die Wesen die Welt, sie verstellen sie nicht, und meine Philosophie, wenn Sie es Philosophie nennen wollen, besteht darin, daß ein Stück gestalteten Daseins (und was tue ich anderes, was tun die Dichter anderes, als ein Daseinsstück ein paar Zeilen anzuvertrauen? – Welche Verantwortung übrigens!) – daß dieses Stück gestalteter Wirklichkeit alle Philosophie aufgeschluckt hat, alle Metaphysik. Ich glaube, daß dieser Prozeß des Einatmens so sehr das letzte ist, was geschehen kann, daß ich von meinem Format aus nicht mehr verlange.

S. L.: Sie beziehen also aus der Natur die Möglichkeit eines menschlichen Gleichnisses oder eines Abbildes?

WILHELM LEHMANN: Ja, eines menschlichen Gleichnisses. Mögen wir uns streiten über das Woher und Wohin des Menschen. Als gegenwärtig, als augenblicklicher Prozeß, als immerfort Geschaffener und Getaner bleibt er mir im Banne dieser Grundmächte, die ihn produziert haben und die ihn eines Tages wieder zurücknehmen werden.

S. L.: Glauben Sie nicht, daß die Übereinstimmung des Menschen mit der Natur seit einiger Zeit vorüber ist? Wir erinnern uns, daß beispielsweise Petrarca schon bei der Besteigung des Mont Ventoux nicht mehr damit rechnete, die Natur bevölkert zu finden mit allegorischen Fabelwesen, mit mythischem Volk sozusagen; und wir wissen aus der weiteren Geschichte, daß der Mensch sich immer mehr emanizipierte, wir wissen, daß Kant bereits dazu aufrief, der Natur nicht wie ein Schüler, sondern wie ein bestallter Richter zu begegnen, und wir selbst haben erfahren, daß sich der Mensch, der sich von der Natur befreit hat, darauf versteht, selber Furcht und Zittern in einer sehr bemerkenswerten Weise hervorzurufen, und zwar sehr viel bemerkenswerter, als die Natur es vermag. Hat die Natur nichtsdestoweniger für Sie immer noch diese bestimmende Rolle?