G. Z., Karlsruhe

Allen Gästen, die sich nach reichlichem Alkoholgenuß besonders stark fühlen und keinen Wirtshausstreit auslassen, hat der 4. Strafsenat des Karlsruher Bundesgerichtshofes folgenden Leitsatz ins Stammbuch geschrieben: „Durch den Verlust der vier oberen und der vier unteren Schneidezähne ist ein Mensch immer in erheblicher Weise dauernd entstellt. Daran ändert es nichts, daß der Verlust dieser Zähne künstlich ersetzt werden kann.“

Die acht Zähne, die so in die deutsche Rechtsgeschichte eingingen, gehören dem Kaufmann Klostermeier. Besser: Sie gehörten ihm – bis zu dem Tage nämlich, an dem sie ihm der Bauhelfer Lußeck aus Heiden ausschlug. Noch genauer: Die vier mittleren Schneidezähne oben wurden herausgeschlagen, die vier unteren so gelockert, daß sie „demnächst entfernt werden müssen“, wie das Schwurgericht in Detmold feststellte, das Lußeck wegen schwerer Körperverletzung für drei Jahre in die Obhut der Strafvollzugsbehörden gab.

Zur höchstrichterlichen Bewertung ausgeschlagener Schneidezähne kam es durch das Revisionsverlangen des rabiaten Bauhelfers, dessen Anwalt nicht einsehen wollte, daß Klostermeier „in erheblicher Weise dauernd entstellt“ worden war. Erhebliche dauernde Entstellung aber macht § 224 des Strafgesetzbuches zum Kriterium schwerer Körperverletzung: „Hat die Körperverletzung zur Folge, daß der Verletzte ein wichtiges Glied des Körpers, das Sehvermögen auf einem oder beiden Augen, das Gehör, die Sprache oder die Zeugungsfähigkeit verliert oder in erheblicher Weise dauernd entstellt wird oder in Siechtum, Lähmung oder Geisteskrankheit verfällt, so ist auf Zuchthaus bis zu fünf Jahren oder Gefängnis nicht unter einem Jahr zu erkennen.“

Der Verteidiger Lußecks dachte freilich an die Wunderwerke der Schönheits-Chirurgen und die Kunst der Zahnärzte und fragte sich, ob bei dem „heutigen Stand der Technik“ acht ausgeschlagene Zähne ein Menschenantlitz wirklich „dauernd entstellen“ müssen. Wahrhaftig, wem würde es einfallen, derart demoliert und „dauernd entstellt“ herumzulaufen und nicht die Hilfe der Ärzte in Anspruch zu nehmen, die heute die schönsten Prothesen, Brücken und Stiftzähne als würdigen Ersatz zu liefern vermögen? Was indessen einwandfrei zu reparieren ist, kann keine „dauernde Entstellung“ sein, schloß der Anwalt messerscharf.

Schon das Reichsgericht mußte sich mit diesem Problem beschäftigen, als eine Strafkammer im Fall eines Klägers, der ein Auge verloren hatte, entschied, von Entstellung könne keine Rede sein, da sich nur bei genauem Hinsehen erkennen lasse, daß der Kläger ein Glasauge trage. Damals entwickelte das Reichsgericht den Grundsatz: Das Verbergen des Defektes, selbst bis zum Grade der Unkenntlichkeit, reicht für sich allein nicht aus, das Begriffsmerkmal der dauernden erheblichen Entstellung zu. beseitigen.“

Die Bundesrichter spannen diesen juristischen Faden jetzt weiter und erklärten, es wäre schwer verständlich und mit dem Gerechtigkeitsempfinden unvereinbar, wenn eine erhebliche körperliche Entstellung, „die dauernd in diesem Umgang bestehen bliebe, falls sie nicht durch künstliche Mittel behoben würde, deshalb die ihr in § 224 StGB zugesprochene straferhöhende Bedeutung verlöre, weil der Fortschritt der medizinischen Wissenschaft und ihrer technischen Hilfsmittel jene Entstellung weitgehend wettmachen kann.“ Dies dürfe nicht einem Täter zugute kommen, der nun einmal jene erhebliche Entstellung seines Opfers schuldhaft verursacht habe.