An ihren Abendgagen gemessen, müßten Opernstars „Dollar-Millionäre“ sein. Nach Auskunft des international im Operngeschäft tätigen Wiener Agenten Viktor Viadarski werden die Spitzengagen der „Weltklasse“ heute von den Sopranistinnen Maria Callas und Birgit Nilsson kassiert: 20 000 DM je Abend.

Zu den zwei, höchstens drei Dutzend „Stars“ dieser Kategorie gehört auch Renata Tebaldi, obwohl sie „nur“ mit 12 000 DM Festpreis gehandelt wird. Das Auftrittshonorar enthält allerdings Reise- und Aufenthaltskosten, und auch die meistens nur kurzen Verständigungsproben am Gastierort werden nicht extra honoriert.

Die berühmteste Altistin der Welt, Giulietta Simionato, steht mit 1700 Dollar zu Buche. Diese – knapp gerechnet – 6800 DM bekommt sie aber auch, wenn „die Simionato“ in einer „Rigoletto“-Aufführung an der Wiener Staatsoper die winzige Partie der Magdalena singt. Festpreis ist Trumpf, der Dollar Verrechnungsbasis.

Deshalb hatte bis zu jener „Tosca“-Vorstellung, die soeben im Rahmen eines halben Dutzends „Festlicher Opernabende“ an der Hamburgischen Staatsoper stattfand, Antoinetta Stella noch niemals in Deutschland gesungen. Ihr Marktwert beträgt halt 2500 Dollar. Diese Summe war die Sängerin noch keiner deutschen Bühne wert gewesen. Der Hamburger Intendant Rolf Liebermann zahlte, rechnete jedoch auf Lire-Basis ab und sparte damit runde 900 ‚DM. Eine Tosca von Format für 9100 DM.

Die meisten Kunstenthusiasten haben von der Mentalität, die in der Starzone herrscht, wohl nur wenig Ahnung. Zwei Tage und zwei Nächte lang hatten Opernfans, die sicherlich Schallplattenbesitzer sind, angestanden vor der Kasse der Hamburgischen Staatsoper. Sie wollten die wenigen billigen Eintrittskarten ergattern, wollten einmal Mario del Monaco auf der Bühne „erleben“. Dann sagte er wegen Grippe ab, kurzfristig: Nicht nur den Othello, gleich auch den Radames – den er erst siebzehn Tage später singen sollte!

Dieser Weltstar unter den Tenören kam einmal, eines morgens, zu dem Stuttgarter Generalintendanten Dr. Schäfer und hauchte bedrohlich: „Ich weiß nicht, ob ich morgen abend singen kann; ich habe Grippe.“

Drei Stuttgarter Stargastspiele hingen von dem Weltnamen Mario del Monaco ab. Da kannte der schwäbische Humanist, der die Württembergischen Staatstheater seit dreizehn Jahren so solide leitet, daß ihn Herbert von Karajan partout nach Wien holen will, keine Gnade. Der Professor Schäfer wurde zum Raubtierbändiger: „Sie müssen mir das gleich sagen, ob Sie morgen abend singen werden. Herr XY (die Konkurrenz) sitzt an der Loire und angelt. Morgen früh kann er ins Flugzeug steigen, abends singt er an Ihrer Stelle in Stuttgart.“ – In einer halben Stunde war del Monacos „Grippe“ überwunden.