Wer wird als Gronchis Nachfolger in den Quirinal einziehen? Die Frage nach dem neuen Staatspräsidenten bewegt die Italiener, auch wenn die „Generalelektoren“, die Generalsekretäre der Parteien und Führer der verschiedenen Gruppen ihre Karten noch nicht aufgedeckt haben. Denn die Wahlregeln machen eine wirksame Kontrolle ohnehin fast unmöglich: Jeder der 596 Abgeordneten, der 248 Senatoren und der 10 Delegierten der Regionen hat freie Hand, wenn er im Plenarsaal von Montecitorio seine Stimme abgibt.

Wird es dem ehrgeizigen Gronchi gelingen, zum zweitenmal gewählt zu werden? Er selbst hatte sich 1955 gegen die Wiederwahl seines Vorgängers Einaudi ausgesprochen, mit der Begründung, daß sich ein zweites Septennat verbiete. Heute vertritt er eine andere Meinung. Zunächst haben sich nur kleine Linksgruppen der Christlichen Demokraten, die über 40 bis 45 Stimmen verfügen, die Gewerkschaften und die Anhänger der sogenannten Mailänder „Base“ für ihn ausgesprochen. Doch selbst nach den ersten drei Wahlgängen – bei denen eine Zweidrittelmehrheit von 570 Stimmen erforderlich ist – braucht er mindestens 428 Stimmen (die einfache absolute Mehrheit).

Die Democrazia Cristiana (D.C.) verfügt über insgesamt 387 Abgeordnete. Es würden also wenige zusätzliche Stimmen genügen, um im 4, Wahlgang die notwendige Mehrheit zu erreichen. Das aber ist bloße Theorie. Denn die Christlichen Demokraten sind sich uneins. Mindestens 200 wollen für den sympathischen Segni stimmen. Dem sardischen Außenminister hatte man vor dem Kongreß zu Neapel eine Unterstützung bei seiner Wahl versprochen – eine Belohnung dafür, daß er den starken gemäßigten Flügel der Partei für die Politik der „Öffnung nach links“ gewann.

Der Generalsekretär der Democrazia Cristiana, Moro, hüllt sich noch in Schweigen. Er möchte den offiziellen Kandidaten der Partei erst unmittelbar vor der Entscheidung nennen, aus Furcht, daß sich bei einer vorzeitigen Bekanntgabe dieser Mann „verbrennen“ könnte. 1955 unterlag der offizielle Kandidat der D.C., der unabhängige Senatspräsident Merzagora, dem damaligen Kammerpräsidenten Gronchi, der von den Kommunisten, Linkssozialisten, den Rechtsradikalen und der parteiinternen Opposition der D. C. gegen Fanfani gewählt wurde.

Diesmal scheint die Lage für Gronchis Wiederwahl nicht so einfach zu sein. Er hat sich 1960 viele Sympathien der Linken verscherzt, als er Tambroni unterstützte. Dieser christlich-demokratische Politiker hielt sich nur mit Hilfe der Neofaschisten am Ruder. Andererseits ist jedoch bei der KPl eine geschlossene Stimmabgabe (197 Mann) für Gronchi nicht ausgeschlossen, falls sie damit die Christlichen Demokraten noch mehr als es ohnehin schon der Fall ist zersplittern kann. Außenpolitisch ist er ihr Mann. Gronchi ist kein Freund der NATO (und man weiß, daß Chruschtschow ein positives Urteil über ihn abgab).

Die Mehrheit der Democrazia Cristiana dürfte für Segni stimmen. Nach den Erfahrungen mit dem Katholiken Gronchi will sie nun nicht mehr eine Kandidatur der laizistischen Kräfte – etwa wieder des unabhängigen Merzagora oder gar des sozialdemokratischen Führers Saragat – unterstützen. Saragat ist bisher der einzige offizielle Kandidat. In der Theorie ist dieser Kandidatur der Erfolg sicher. Vereinigten die Parteien, die die derzeitige Regierung tragen, (Christliche Demokraten, Republikaner, Sozialdemokraten und Linkssozialisten), ihre Stimmen, so ist jeder Konkurrent von vornherein geschlagen.

In der Praxis aber sieht es anders aus. Der linke Flügel der Democrazia Cristiana neigt zu Gronchi oder zu Fanfani. Der kleine, dynamische christlich-demokratische Ministerpräsident ist nicht mehr abgeneigt, Hausherr im Quirinal zu werden. Er würde noch mehr als Gronchi versuchen, von oben her in die Politik einzugreifen. Die erst vor zwei Monaten gebildete Regierung der linken Mitte würde dann Moro übernehmen. Außerdem kandidieren noch Attilio Piccioni, der Präsident des Nationalrates der D.C. und Giovanni Leone, der Kammerpräsident. Sie könnten als Notlösungen in Betracht kommen.