Von Indro Montanelli

Europa ist im Entstehen, aber es ist noch nicht entstanden. Zwar stimmt es, daß wir auf der Straße, die uns zum Gemeinsamen Markt geführt hat, nicht mehr zurück können, und es stimmt auch, daß dieser Gemeinsame Markt, noch bevor er richtig funktionierte, schon das englische Commonwealth in eine Krise versetzt hat und die Bosse der amerikanischen Wirtschaft frösteln ließ. Aber der Gemeinsame Markt ist noch nicht ganz Europa.

Die 170 Millionen Europäer, die sich dort allmählich in eine Gemeinschaft hineinleben, produzieren (zusammen mit England) schon soviel Stahl wie die Vereinigten Staaten von Nordamerika, und auf manchen anderen Gebieten schlagen sie sogar schon die Konkurrenz in der Welt. Und wenn man morgen diesem Wirtschaftsgebilde ein politisches Dach geben wird, dann entsteht die dritte große Weltmacht (neben Amerika und Rußland). Das ist eine Tatsache, die aus Zahlen und Produktionstabellen spricht. Aber gerade dieser – der politische – Anschluß der Länder will so schwer gelingen. In Paris versuchte die „Commission Fouchet“ in dieser Richtung zu arbeiten, aber die Sechs sind sich noch nicht einig geworden, das heißt: Frankreichs Meinung steht gegen die der andern fünf.

Zweifellos hat de Gaulle schon weite Schritte auf der Straße gemacht, die zu einem geeinten Europa führt. Aber es gelingt ihm nicht, über den von ihm geprägten Begriff des „Europas der Vaterländer“ hinaus zu gehen. Und natürlich ist dieses „Europa der Vaterländer“, für das die schon bestehenden Verträge ausreichen würden, die Verneinung des wirklichen Europas, das alle anderen jetzt schaffen wollen.

In Brüssel sagte mir ein Gaullist, daß der General dem Gemeinsamen Markt keine Hindernisse entgegensetzt, weil er nicht einmal wisse, wie dieser funktioniere. Niemand habe es ihm erklärt, und ihn selber interessierten Wirtschaftsprobleme nur wenig. Er liebe es, die historischen Zusammenhänge zu sehen, und befasse sich selten mit Details. Wenn er schon einmal auf Europa zu sprechen käme, dann nur, um ohne weiteres auf Karl den Großen zurückzugreifen.

Man soll sich unter diesen Umständen keine Illusionen machen: Es wird schwerhalten, ein von de Gaulle regiertes Frankreich den letzten und entscheidenden Schritt zu einem „Überstaat“ mit selbständiger Verfassung machen zu lassen, zu dem im Grunde die anderen fünf schon bereit sind.

Im Lande selbst aber hat sich – Europa gegenüber – eine grundlegende Veränderung vollzogen. Frankreich, das den Begriff „Nation“ geprägt hat und noch 1954 die Ursache des Scheiterns der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft war, nimmt heute der EWG und den europäischen Problemen gegenüber eine ganz andere Stellung ein. Vor allem besteht da ein starker Druck von unten.