Von Rudolf K. Goldschmit-Jentner

Wetter und Klima sind zwei Natur- und Lebensmächte, denen sich kein Mensch entziehen kann. Wem etwa bestimmt ist, dauernd in Heidelberg zu leben, erfährt dies zu seinem Leidwesen in jeder Jahreszeit. Wir wissen seit langem, daß die Menschen zum Beispiel besonders auf den Föhn reagieren. Die meisten empfinden ihn als eine Seelenqual, die sie niederdrückt, lustlos, arbeitsunfähig oder gereizt macht; andere können gerade umgekehrt bei Föhn besser arbeiten, fruchtbarer denken und kommen mitunter sogar in eine euphorische Stimmung.

Was dem einen Menschen als quälendes Wetter erscheint, erhebt und erfreut den anderen Menschen. So erscheint es nicht verwunderlich, daß die großen Leistungsmenschen, die Genies, besonders sensibel gegenüber Klimawirkungen sind. An dem Problem der Zusammenhänge von Klima und genialem Schaffensprozeß ist die Forschung bisher achtlos vorbeigegangen. Wir besitzen aber in den Selbstzeugnissen großer Geister genügend Material, so daß die Klimaforschung hier der Geniekunde einen wertvollen Beitrag geben könnte.

Hippokrätes hat um 400 v.Chr. in seiner Schrift „Von der Luft, vom Wasser, von der örtlichkeit“ Entstehung der Krankheiten beschrieben. Nicht zu verwundern, daß Paracelsus (1493–1541) auch geahnt und verkündet hat, welch großen Einfluß die Atmosphäre auf den gesunden und kranken Menschen ausübt. Über hundert Jahre später hat Leibniz eine Denkschrift verfaßt, worin er den König bittet, daß man Beobachtungen über den Einfluß des Wetters auf den Menschen anstellen soll.

Der 76jährige Goethe schrieb den „Versuch einer Witterungslehre“. Er geht noch von den damals herrschenden Vorstellungen aus, daß die Witterung vorzüglich durch Wärme und Kälte, durch Feuchte und Trockene, durch Maß und Übermaß solcher Zustände sich offenbart, und daß wir all das unmittelbar empfinden, ohne weiteres Nachdenken und Untersuchen. Er erinnert daran, daß wir zwar nach dem Thermometer, aber nicht nach dem Feuchtigkeitsmesser schauen. Es bleibt Goethe nicht verborgen, daß unser Wissen von der Wetterkunde noch Stückwerk ist. Ihm erscheint es merkwürdig, daß die wichtigste Bestimmung der atmosphärischen Zustände von den Tagesmenschen am wenigsten bemerkt wird. Es gehöre schon eine kränkliche Natur und eine höhere Bildung dazu, um diejenige atmosphärische Veränderung zu beobachten, die uns das Barometer anzeigt.

Goethe rechnet das Klima zu den Elementen, worauf die Sprache beruht. Soviel sei gewiß, daß außer der Rasse sowohl Boden und Klima als auch Nahrung und Beschäftigung den Charakter eines Volkes bilden.

Ein andermal äußert sich Goethe zu Eckermann, daß er alle Insulaner und Meeranwohner des gemäßigten Klimas für bei weitem produktiver und tatkräftiger halte als die Völker im Innern großer Kontinente.