Atomare Abschreckung ist kein Patentrezept – Sicherheit durch Ausbau der konventionellen Rüstung

Von B. H. Liddell Hart

Am Anfang der NATO stand eine Berlin-Krise: Das am 4. April 1949. unterzeichnete Bündnis war die Frucht jener akuten und langen Krise von 1948/49, die das kriegsversehrte Europa nach knapp drei Jahren unruhigen Friedens bis hart an den Abgrund eines neuen Konflikts gebracht hatte. Im vierzehnten Jahr ihres Bestehens ist abermals eine Berlin-Krise das Hauptproblem der Nordatlantischen Verteidigungsorganisation. Und wenn sich auch letzthin die Lage zu beruhigen schien – sie mag sich jederzeit wieder bedrohlich zuspitzen. Ein örtlicher Zusammenstoß oder die plötzliche Schließung der Zufahrtswege zu dem westlichen Eiland inmitten der Ostzone könnte leicht zu einer weltzerstörenden Explosion führen.

Um so wichtiger und dringlicher ist der Ruf nach einer gründlichen Überprüfung des Zustandes der NATO. Welchen Wert hat sie? Wo liegen ihre Schwächen? Welchen Risiken ist sie ausgesetzt?

Der Wert der NATO liegt vor allem im Psychologischen. Das Bündnis gibt den Völkern, die ihm angehören, ein Gefühl der Sicherheit, indem es die europäischen Mitglieder in einer gemeinsamen Verteidigungsgemeinschaft eng verbindet und sie überdies der amerikanischen Unterstützung versichert.

Die Schwäche der NATO liegt vor allem in den konventionellen Streitkräften, deren sie bedürfte, um einen wirksamen „Schild“ gegen einen konventionellen sowjetischen Angriff zu bilden – an der mangelnden und mangelhaften Stärke, Ausrüstung und Qualität der herkömmlichen Streitkräfte des Westens im Vergleich zu jenen, die einsatzbereit jenseits des Eisernen Vorhangs stehen. Eine zweite Schwäche, die nicht minder bedenklich ist, liegt in der Kompliziertheit der Organisation und Planung innerhalb einer Allianz von fünfzehn Nationen – einer Kompliziertheit, welche die notwendige Flexibilität sowohl bei den vorbereitenden Dispositionen wie bei etwaigen Operationen beeinträchtigt.

Risiko des Fehlurteils