Bericht von einer Reise nach einem abwegigen Ziel: Deutschland / Von ***

Alle Details dieser Reisebeschreibung sind wirklichkeitsgetreu. Sie wurden jedoch umgruppiert und dadurch unkenntlich gemacht aus dem gleichen Grund, der eine allem Anonymen abholde Redaktion dazu veranlagt, den Namen des Verfassers lieber nicht zu nennen: um „drüben“ niemanden zu gefährden.

Wir waren zu zweit, mein Bruder und ich, und wir fuhren mit dem Auto. Wir hatten, Monate nach dem 13. August, nicht ernstlich mit einer Einreiseerlaubnis gerechnet. Aber da war sie, im letzten Moment – und auf acht Tage befristet, also fuhren wir los.

Mit welchen Gefühlen geht man auf eine Reise nach Mitteldeutschland? Wir sprachen darüber, als wir auf die Schilder „Zonengrenzbezirk“ stießen. Das Ganze erschien ein wenig als Abenteuer. Der Gedanke, durch den „Eisernen Vorhang“ schlüpfen und sich in einem kommunistischen Land umsehen und bewegen zu können, wo Volksarmisten und SED-Funktionäre in ihrem Element sind, ihnen offiziell als Angehörige eines „kapitalistischen“ westlichen Staates gleichsam auf freier Wildbahn zu begegnen, das alles hatte etwas Aufregendes. Wir kamen ja nur als Gäste, es ging uns nichts an, es war, wie wir feststellten, ein ähnliches Gefühl wie beim Besuch eines Kriminalfilms, wo man die Spannung deshalb so ungetrübt, auskosten kann, weil bei aller wünschenswerten Realistik garantiert ist, daß man den Raum am Schluß der Vorstellung unbeschadet wieder verlassen kann. Und schließlich ist es unbestreitbar angenehm, sich als Vertreter einer überlegenen, freiheitlichen Gesellschaftsordnung zu wissen und zu spüren, daß man von den Besuchten als solcher angesehen und beneidet wird. (Wie rasch verloren sich solche Gefühle in den folgenden Tagen!)

Am westdeutschen Schlagbaum, den wir bei Dunkelheit erreichten, verlangte ein gelangweilter Beamter unsere Ausweise.

„Sie fahren in die Zone?“

Man hörte heraus, wie merkwürdig ihm das erschien und wie gern er gewußt hätte, was ganz normal aussehende Bürger veranlassen mochte, sich ein so abwegiges Reiseziel auszusuchen.