Die Kritik an der Preiserhöhung hat einen falschen Ansatzpunkt

Zu widerlegen wäre die Marktprognose des Vorstandes

Von Kurt Wendt

Der Preis des Volkswagens ist zum politischen Preis gemacht worden. Ausgangspunkt war das unglückliche Zusammentreffen der Bekanntgabe der Preiserhöhung für den VW 1200 mit der inzwischen „berühmt“ gewordenen Fernsehansprache des Bundeswirtschaftsministers, in der er Unternehmer und Arbeitnehmer zum Maßhalten aufforderte. Wenn der Preis des VW 1200 in der politischen Diskussion oftmals in seiner Bedeutung mit dem Brotpreis gleichgestellt wird, dann ist dies für die Volkswagenwerk AG zwar recht schmeichelhaft, aber zu dem jetzigen Zeitpunkt wird die Leitung des Unternehmens wenig Wert auf einen solchen Vergleich legen. Ihr liegt vielmehr daran, das Preisgespräch zu „versachlichen“; es also auf ein Feld zu bringen, auf dem Kosten, Marktchancen, Reserven und ähnliche Faktoren eine Rolle spielen – und nicht die politischen Vorstellungen Berufener und Unberufener. Aber macht der Bundestag da mit?

Die mit Spannung erwartete Bilanz der Volkswagenwerk AG, Wolfsburg, für das Geschäftsjahr 1961 liegt jetzt vor. Sie ist vom Aufsichtsrat gebilligt und damit „festgestellt“. Die auf den 30. Juni 1962 nach Wolfsburg einberufene Hauptversammlung kann an dem Jahresabschluß nichts ändern. Ihr steht es lediglich zu, über die Verteilung des Reingewinns Beschluß zu fassen, der auf die Ausschüttung einer Dividende von wieder 12 % abgestellt ist. Nach Lage der Dinge konnte eine höhere Dividende als 12 % schwerlich erwartet werden, womit nicht gesagt ist, daß sie nicht zur Debatte gestanden hätte. Wie in Wolfsburg zu hören war, haben jene Kreise in Bonn, die sich um die Privatisierung weiterer im Staatsbesitz befindlicher Unternehmen bemühen, aus leicht verständlichen Gründen eine Heraufsetzung der Ausschüttung angeregt. Glücklicherweise – kann man nur sagen – hat die Verwaltung des Volkswagenwerks diesem Ansinnen widerstanden. Denn eine Preiserhöhung bei gleichzeitiger Heraufsetzung der Dividende hätte den Skandal vollendet. Allerdings ist dem Vorstand in dieser Frage das Maßhalten nicht allzu schwergefallen.

Sein Bemühen ist darauf gerichtet, jeden Pfennig im Unternehmen zu behalten und Reserven zu bilden für den harten Wettbewerb, der nach seiner Meinung in 4 bis 5 Jahren nicht nur auf den deutschen und europäischen Automobilmärkten, sondern in der gesamten westlichen Welt herrschen wird. Überall reifen neue Riesenkapazitäten zur Produktion heran. In der Bundesrepublik wird sich das VW-Werk schon in kurzer Zeit dem Ausstoß aus den neuen Werken von Ford und Opel gegenübersehen. Der Opel-Kadett, der – nach dem, was man hört – zu einem Preis von etwa 5300 DM verkauft werden soll, macht den Wolfsburgern heute bereits einiges Kopfzerbrechen. In Italien unternimmt Fiat erhebliche Anstrengungen, seine Kapazitäten zu erhöhen, und in Frankreich scheint sich eine Konzentration in der Automobilindustrie zu vollziehen, die gigantische Konzerne entstehen läßt. Wenn man dann noch unterstellt, daß der europäische Automarkt einer gewissen Sättigung entgegengeht, so ist das Streben der VW-Werksleitung nach einem absolut stabilen finanziellen Fundament durchaus begreiflich. Es steht auch nicht mit dem unverwüstlichen Optimismus in Widerspruch, mit dem Prof. Nordhoff, Vorstandsvorsitzender des VW-Werkes, die Zukunftschancen seiner Wagen beurteilt. Optimismus gehört zum Geschäft, ohne ihn gibt es keine Verkaufserfolge. Gefährlich wird er erst, wenn er zur Selbsttäuschung führt. Davon scheint man beim Volkswagenwerk jedoch weit entfernt zu sein.

Das Gespenst Borgward