Die deutschen Aktienkurse bewegen sich immer noch unweit ihres bisher tiefsten Standes in diesem Jahr. Die erste Welle recht günstiger Jahresabschlüsse für 1961 hat daran nichts geändert. Was jetzt noch an Bilanzen ausstellt, wird eine Wende kaum erzwingen können. Deshalb fällt es schwer, an eine Sommerbelebung zu glauben. Daran werden auch die dauernden Feststellungen der diversen Börsenexperten nichts ändern, nach denen in den heutigen Kursen die veränderte Konjunktursituation mehr als ausreichend berücksichtigt ist. Das breite Publikum hat den Spaß am Aktienbesitz verloren. Es hält zwar an ihm fest, aber der Mut zu neuen Engagements fehlt. Deshalb blieb auch in den letzten Tagen der Börsenberufshandel unter sich. Seine Operationen sind ohne Linie. Die Märkte werden nacheinander abgetastet, aber zu eindrucksvollen Kursbewegungen, die vielleicht eine „werbende“ Wirkung haben könnten, kommt es nirgends.

Grundsätzlich wird an den bisherigen Anlagevorstellungen festgehalten. Sie bevorzugen ganz klar die Elektrowerte, wie AEG und Siemens, daneben auch die Papiere der Elektroversorgungsindustrie (RWE, HEW, Nordwestdeutsche Kraftwerke usw.). Bei den IG-Farben-Nachfolgern wirken sich nunmehr die Bilanzvergleiche aus, die auf Grund der jetzt vorliegenden Zahlenwerke für 1961 angestellt worden sind. Das bisherige Paradepferd der Gruppe, die Farbenfabriken Bayer, schneiden in diesem Jahr ungünstiger ab als die Farbwerke Hoechst was sicherlich die Hoechster Kapitalerhöhung erleichtern wird. Bayer hat einen großen Teil seines bisherigen Kursvorsprunges innerhalb der IG-Gruppe eingebüßt. Der Kurs der Chemie-Verwaltung hat sich immer noch nicht ganz gefangen. Ihm fehlen als stützendes Element die Aufkäufe, die bislang für Auftrieb gesorgt haben. Offenbar ist man der Ansicht, daß der Bremer Holzkaufmann Krages, in letzter Zeit als Paket-Händler kaum noch erfolgreich, bei der Chemie-Verwaltung seinen Plan aufgeben mußte, zu Einfluß zu gelangen.

Die Montane profitierten neuerdings von der besseren Beschäftigungslage bei Eisen und Stahl, von der man hofft, daß es sich um mehr als nur eine Zwischenbelebung handelt. Schließlich hat auch die Mannesmann-Dividende von unverändert 14 % für eine Stütze gesorgt. Bei einem Kurs von etwa 240 % kann sich der Käufer hier eine Rendite von 5,8 % ausrechnen. Mehr kann er am Rentenmarkt auch nicht erzielen. Eine noch höhere Rendite darf sich der Erwerber von Aktien der Deutschen Erdöl AG ausrechnen, nämlich 5,94 %. Aber der Börse bereitet der umfangreiche Kohlenbesitz der Gesellschaft heftige Kopfschmerzen. Außerdem weiß man recht genau, daß es das Unternehmen bei einer Dividende von 12 % recht schwer hat, für seine „innere Stärkung“ etwas zu tun.

Zu einer Sonderbewegung kam es jüngst bei den Hapag-Aktien, die von 130 auf nahe 160 anzogen, inzwischen jedoch wieder einen Rückschlag erlitten, als bekannt wurde, daß die Gerüchte über eine Dividenden- oder Kapitalerhöhung nicht zutrafen. Die Hapag wird für 1961 wieder eine Ausschüttung von 6 % vornehmen. Aber damit ist der Kurs von 150 % schwerlich zu rechtfertigen, zumal sich in der Schiffahrt immer noch kein Silberstreifen zeigt. Der rückläufige deutsche Export wird auch den deutschen Linienreedereien zu schaffen machen.

K. W.