Am Rande der Fußball-Weltmeisterschaft – Touristische Hinweise für Schlachtenbummler

Santiago, Anfang Mai

Wer nicht nur als Fußballfan nach Chile fährt sondern die relativ billigen Pauschalflüge zur Fußball-Weltmeisterschaft (30. Mai bis 17. Juni) auch als seltene Gelegenheit wahrnehmen will, jenes ferne Land kennenzulernen, der entsinnt sich bei seinen Vorbereitungen vielleicht gelegentlicher kleiner Zeitungsnotizen, welche ihn an der gastronomischen Leistungsfähigkeit und technischen Perfektion der touristischen Einrichtungen in diesem Lande zweifeln lassen. Die fortschrittsfreudigen Chilenen waren stets über diese .zumeist irreführenden Meldungen verärgert, zumal sie gewohnt sind, bei Vergleichen mit anderen Ländern dieses Kontinents immer sehr gut abzuschneiden.

So war schon mancher Fremde hierzulande erstaunt, in jeder größeren Stadt einen Flugplatz zu finden, und er war sehr überrascht, daß die Beschaffung einer Lufttaxe kaum mehr Schwierigkeiten bereitet als das Mieten eines Leihwagens (letztes US- oder Mercedes-Modell, versteht sich!). Wer sich in ein unberührtes Bergnest der Anden oder auf einen der herrlichen Landsitze im grünen Süden zurückzieht, findet bald nichts besonderes mehr dabei, sich durch ein privates Funkgerät über den Stand seiner Geschäfte etwa in Santiago zu informieren.

Gewiß, eine Einschränkung ist notwendig, die auch die Chilenen selbst täglich am eigenen Leibe erfahren: Hotel- und Gasthausrechnungen pflegen gelegentlich den Blick für die Schönheiten dieses Reiselandes zu trüben. So zahlt man für ein Doppelzimmer mit Bad (aber ohne Frühstück) zwischen 20 und 60 Mark. Bei einem reichlichen Abendessen kommt man nicht mit weniger als acht Mark aus, obwohl reichlich Brot, Butter und Zitrone gratis serviert werden. Eine gute Flasche chilenischen Weins dazu kostet wohl ihre fünf Mark. Bei Hotelrechnungen muß man schließlich außer 10 Prozent Bedienung als weiteren Kostenfaktor noch 10 Prozent Steuern mit einkalkulieren. Andererseits gibt es eine Reihe von Möglichkeiten der Kompensation, die der Erfindungsgabe jedes Reisenden überlassen bleiben – wie auch die Preise in den zahlreichen modernen Imbiß-Stuben (fuentes de soda) den deutschen etwa gleichen und die Ausgaben für Verkehrsmittel (auch Flugzeug und Taxi) geringer sind. Von Omnibussen und Bahn gar nicht zu reden; zum Beispiel kostet die 170 Kilometer weite Fahrt im Pullman-Bus von Santiago nach Vina del Mar nur sechs Mark. Der Einheitstarif für Linienbusse im Orts- und Vorortsverkehr beträgt 10 bis 20 Pfennig. Die Frequenz dieser Fahrzeuge ist so hoch, daß auch in der Saison keine Schlangen an den Haltestellen entstehen. Gäste aus deutschen Großstädten finden, daß sie hier schneller vom Fleck kommen als daheim.

Im Juni fängt der Winter

Wer mit Südamerika die Vorstellung heißer Tage und lauer Nächte verbindet, ist, was Chile betrifft, schlecht beraten: Die Temperaturen schwanken im Sommer sehr stark, und die Besucher der Fußball-Weltmeisterschaft sollten bedenken, daß sie zum Wintersanfang hier eintreffen. Sie werden sich auf kühles (an der Küste sogar naßkaltes) Wetter einrichten müssen. Indes brauchen die Schlachtenbummler aber nicht auf schöne Erholungstage zu verzichten. Chile erstreckt sich fast über die Hälfte des Subkontinents und bietet stets alle möglichen Klimata gleichzeitig an verschiedenen Ortep. Diese „geographische Verrücktheit“ erlaubt zugleich einen hochexklusiven Skiaufenthalt auf den schneesichersten Pisten der Kordillere (etwa fünf Bahnstunden von Santiago entfernt im 2840 Meter hoch gelegenen Skihotel Portillo; Einzelzimmer 40 Mark, Sechserzimmer pro Bett 20 Mark) und den Genuß der Badefreuden am nördlichen Pazifikstrand.