Die nach jeder Liquidationsperiode veröffentlichte amtliche Statistik der reportierten Terminverpflichtungen für den Monat Mai hat gegenüber der vorhergehenden Abrechnungsperiode eine Erhöhung der Leerverkäufe um 28 % gezeigt, während die Kaufpositionen nur um 4,8 % gestiegen sind. Die Haussiers haben diese Feststellung mit befriedigtem Schmunzeln aufgenommen, denn technisch ist damit bewiesen, daß (weil jeder Baissier potentiell ein künftiger Käufer ist) die Situation für sie als günstig betrachtet werden kann. Dennoch gibt diese ungewöhnliche Steigerung der Verkäufe zu denken! Wirtschaftlich ist sie nicht begründet. Die Überschüsse der Zahlungsbilanz haben Rekorde erreicht. Alle bisher veröffentlichten Bilanzen für 1961 zeigen ein günstiges Bild. Es ist vorauszusehen, daß sie auch für 1962 befriedigend ausfallen werden. Zahlreiche Kapitalerhöhungen stehen in Aussicht. Der Expansionsprozeß der Wirtschaft setzt sich in erwartetem Tempo fort. Warum also glauben die Skeptiker, aus einem Abgleiten der Kurse Nutzen ziehen zu können? Offenbar rechnen sie mit einer ungünstigen innerpolitischen Entwicklung. Gewiß geht von der algerischen Situation eine Nervenspannung aus, der sich die Märkte nicht völlig entziehen können. Aber ein Rückfall in die Zustände vor Abschluß der Verträge von Evian scheint kaum mehr möglich.

Tatsächlich hat die Börse aus dieser Überlegung bereits die Schlußfolgerung gezogen: sie hält sich in der Verteidigung, gönnt sich nach jeder Haussebewegung eine Atempause und stützt sich mehr und mehr auf die Auswertung besonders günstiger wirtschaftlicher Ereignisse. So kommt es, daß (von Ausnahmen für einzelne Werte abgesehen) Banken, Montanwerte und sogar Chemiewerte in den Hintergrund treten. Erdölwerte der Sahara bleiben das politische Barometer der Börse. Das Interesse für Nahrungsmittelaktien, die von den zu erwartenden Lohnerhöhungen profitieren werden, hält an. Bauwerte, Zementfabriken und Gesellschaften, die für Straßenbauten ausgerüstet sind, werden in erheblichen Beträgen aus dem Markt genommen. Automobilwerke profitieren von dem ungewöhnlichen Aufschwung dieser Industrie während der ersten vier Monate dieses Jahres. Citroën hat Rekordkurse erreicht. Der Simcakurs steht unter Kontrolle der in den vergangenen Monaten beobachteten Aufkäufer. Simca soll nun auch eine Aufwertung der Bilanz vornehmen. Bei Michelin werden Gratisaktien im Verhältnis von 1:1 erwartet. Textilwerte finden in zunehmendem Umfang Interesse. Comptoir Linier verfügen bei 7 Millionen Kapital über 27 Millionen Reserven. Das Interesse für Suez hält an. Die englischen Tunnel Channel-Aktien haben an der Londoner Börse Höchstkurse erreicht. Eine Entscheidung über den Bau des Kanaltunnels ist noch in diesem Jahr zu erwarten. In den französischen Suezkanal-Aktien werden jetzt englische Käufe beobachtet. Retlew