Von Martin Beheim-Schwarzbach

Ich bitte herzlich darum, einmal, nur dieses eine Mal meinem geistreichen Kollegen Wolfgang Ebert ins Handwerk pfuschen zu dürfen. Wie oft hat er schon erschütternde Erkenntnisse in zwerchfellerschütternder Manier zum Besten gegeben, neulich erst eine Erkenntnis, die mir ach so vertraut ist und seine Klage mir aus der Seele gesprochen: daß er immer auf Mitmenschen stieße, die ihm ihre Gedankengänge ebenso unerbeten wie unermüdlich darlegen, ohne je nach den seinen zu fragen. Wie herzlich drücke ich ihm die Hand: mir geht es genauso und auch noch schlimmer.

Denn ich muß ein enorm herausforderndes Objekt von Belehrungen sein. Man belehrt mich in überaus gewissenhaften, lückenlosen, tiefdurchdachten Vorträgen, zwischen Tür und Angel und meinen Jackenknopf leidenschaftlich drehend, über Einsichten, die mir keineswegs ganz fremd sind: etwa daß der Krieg ein Erzübel und chemische Nahrungsmittelzusätze gesundheitsschädlich seien; daß die Flutkatastrophe sehr ihre Nachteile gehabt habe und man die Deiche besser im Auge behalten solle; daß in den Sozialwohnungen der Putz von den Wänden falle und der Schiwago nicht so interessant sei, wie die Leute alle tun... und was nicht sonst noch. Mir hilft meine Beteuerung, das alles sei ganz meine Meinung, gar nichts – sie bestärken den Vortragenden nur darin, seine Stimme noch lauter zu erheben.

Und noch etwas anderes. Auf Parties, kleinen oder großen, läßt man mich nicht zu Wort kommen. Wie machen es andere, viel zu reden und angehört zu werden? Es ist ein Geheimnis dabei im Spiel, und nicht nur das der Stimmstärke. Ich möchte es, für solche, die mit dem Zauberberg vertraut sind, das Peeperkorn-Geheimnis nennen.

Ich sehe mich auf Parties von lauter Peeperkörnern umgeben. Ich bin ohnehin, was das Angehörtwerden betrifft, pessimistisch und riskiere nur selten eine Lippe; tue ich es aber schon mal, so fällt mir gleich einer ins Wort, fängt von etwas ganz anderem an, und, o Wunder, alle Gesichter, auch die, die ich mühsam eingefangen zu haben wähnte, wenden sich wie von einem einzigen Draht gezogen von mir ab und meinem Peeperkorn zu. Die zweite Hälfte meines angefangenen Satzes verhallt ins Leere.

Es wird, wie denn nicht, über Bandscheiben gesprochen, und ich möchte etwas nicht Unwichtiges beisteuern: „Da habe ich in Abano die Erfahrung gemacht –“ und da legt auch schon mein Peeperkorn mit Donnerstimme los: „Ach, Abano, da hat doch neulich mein Freund Heinicke folgendes Erlebnis mit seinem Porsche gehabt!“ Und in der nächsten halben Stunde ist nur noch die Rede von Porsche und dergleichen.

Meistens hat Peeperkorn noch nicht einmal das Apropos und den Anknüpfungspunkt nötig. Ich hebe, seit langem auf eine winzige Gesprächslücke lauernd, zum Sprechen an über etwas, was mir am Herzen liegt: „Ich möchte mal wissen, wer von euch die Joana Maria Gorvin auch so bezaubernd findet!“