Algerien-Bilanz nach sieben Wochen

R. F. Paris, im Mai

Sieben Wochen nach den französisch-algerischen Verhandlungen von Evian ist für Paris die Zeit reif, eine erste Bilanz zu ziehen und das Terrain für die weiteren Schritte zu untersuchen.

Positiv kann die französische Regierung ganz gewiß den Umstand werten, daß den Rebellen von der OAS kein entscheidender Erfolg beschieden war. Den verbrecherischen Provokationen hat die arabische Bevölkerung eine unerhört disziplinierte Zurückhaltung entgegengesetzt. Die französische Armee ist nicht, wie viele gefürchtet hatten, ins Lager der Aufständischen übergetreten. Und schließlich kann sich die französische Polizei rühmen, die beiden großen „Patrons“ Salan und Jouhaud nebst manchen anderen Aktivisten hinter Schloß und Riegel gesetzt zu haben.

Aber die andere Seite der Bilanz sieht weniger rosig aus. Viele politische Beobachter hatten erwartet, daß die „Dynamik des Friedens“ den Widerstand der OAS in Algerien „automatisch“ brechen würden. Dies ist bisher nicht eingetroffen. Die Mehrheit der Europäer blieb im Griff der „Geheimorganisation“. Oran ist nach wie vor eine gesetzlose Stadt, Algier fällt immer mehr dem Chaos anheim.

Die Methoden des Kampfes gegen die OAS sind offenbar unzureichend gewesen. Die europäische Administration in den algerischen Städten verharrt in ihrem passiven Widerstand gegen die Algerien-Politik der Regierung. Die Polizeikräfte rekrutieren sich immer noch zu 90 Prozent aus pieds-noirs, den einheimischen Europäern, und dieser Zahl entspricht auch so ziemlich ihre Zuverlässigkeit.

Zwar verurteilt das Gros der Offiziere die Greuel der Attentate, zwar hat sich die Armee wiederholt gegen die OAS gewandt, aber ihre Abwehrmaßnahmen sind bisher kaum über das hinausgegangen, was man als Funktion eines Puffers zwischen verfeindeten Bevölkerungsgruppen verstehen könnte.