Von indro Montanelli

Die EWG hat in Brüssel in der Avenue de la Joyeuse Entrée ihren Sitz, und man hat in diesem Namen – „Fröhlicher Eingang“ – ein glückliches Omen sehen wollen. Es ist ein neunstöckiges, modernes, fast ein wenig abstrakt anmutendes Gebäude. Die zweitausend Beamten aus sechs Nationen haben es heute schon fast ein wenig eng darin. Übrigens sind Sekretärinnen in der Mehrzahl. Sie ähneln alle ein wenig den hübschen Hostessen der Fluglinien mit ihrem einladenden, aber streng beruflichen Lächeln. In den langen blitzenden Korridoren hört man das Ticken von Schreibmaschinen. Jedes Büro ist ein der Leistungsfähigkeit geweihter Tempel. In ihrem Namen benutzt man keine Treppen, nicht einmal, um zehn Stufen hinabzusteigen. Man fährt mit den Lifts.

Die Keller sind zu riesigen Garagen ausgebaut, In denen die Autos mit den blauen Nummernschildern und den Buchstaben E. U. R. stehen. Diese Schilder geben ihren Besitzern zwar nicht das Recht irgendwelcher Vorteile, aber sie bedeuten so etwas wie ein Wappenschild.

Alle Sprachen werden durcheinander gesprochen, auch wenn das Französische vorherrschend ist. Man arbeitet in sogenannten „Gruppen“, und das hat sich bewährt. Auch während der parties oder business-lunches spricht man weiter von der Arbeit. Sind Kinder da, so gehen sie in die „Europäische Schule“, wo übrigens kürzlich ein kleiner Skandal ausbrach, weil der Geschichtslehrer erklärt hatte, daß Vercingetorix ein Held der Demokratie, Julius Cäsar hingegen die Inkarnation des Imperialismus gewesen sei.

Viele fürchten, daß die Bürokratie und ihr Papierkrieg überhand nehmen könnte, und so unrecht haben sie nicht. Müssen doch allein vier Ausführungen für jedes Dokument in den vier offiziellen Sprachen (Deutsch – Französisch – Holländisch – Italienisch) gemacht werden. Die belgische Regierung hat sich bereit erklärt, auf eigene Rechnung ein größeres Gebäude zu errichten, wenn Brüssel auch später die Hauptstadt Europas bleiben wird.

Adenauer hat der EWG oder besser seinem ausführenden Organ, der Kommission, viel Gutes erwiesen, als er ihr den Präsidenten Walter Hallstein schenkte. Diese Wahl hätte nicht glücklicher sein können, denn Hallstein hat sich voll und ganz in den Dienst der EWG gestellt: ein Professor der Rechtswissenschaften, katholisch, Junggeselle, belesen und – ein Schlemmer. Seit Jahren genießt er das Vertrauen Adenauers. Übrigens hat er den „europäischen Posten“ nur unter der Bedingung akzeptiert, daß er seinen Lehrstuhl an der Universität Frankfurt beibehalten könne. Auch in seine neue Stellung hat er die Würde eines deutschen Universitätsprofessors mitgebracht.

Offenbar hat Hallstein mit aller Macht an die Integration geglaubt, und dies von Anfang an. Für sie setzt er alle seine positiven Kräfte ein, die bei weitem seine negativen Eigenschaften überwiegen. Er ist ein methodischer und gewissenhafter Beamter, der an kein Problem herangeht, ohne es vorher gründlich studiert zu haben. Ein Hallstein – so sagt man – muß besser und vollständiger informiert sein als alle anderen. Und er ist es auch. Er ist liebenswürdig mit allen seinen Mitarbeitern und hält zugleich auf Distanz. Er ist ausgeglichen und besitzt eine vollkommene Selbstbeherrschung. Und die Summe dieser Qualitäten macht ihn zum idealen Leiter der Kommission.