Notwendiger denn je:

Müttergenesungswerk

Der Zahlmeister eines renommierten Passagierschiffes, das im Sommer zu einer zwölftägigen Ferienreise nach Skandinavien in See stechen wird, wischte alle Fragen nach dem Wann, Wielange, Wohin, Wie teuer mit einer Handbewegung beiseite: „Alles schon ausverkauft“. Der Preis: von 800 Mark an aufwärts. Ist das wirklich der Maßstab für den allgemeinen Lebensstandard in der Bundesrepublik?

Im Plenarsaal des Düsseldorfer Landtages referierte ein Mitglied des Müttergenesungswerkes: Im vergangenen Jahr haben sich in 175 Heimen etwa 88 000 Frauen drei Wochen lang erholen dürfen. Und weiter: „Für die Hälfte von ihnen war das überhaupt der erste Urlaub ihres Lebens.“ Damit ist die Frage beantwortet, ob die Möglichkeit, überhaupt einmal Ferien machen zu können, noch eine „aktuelle soziale Frage“ ist.

Es war zumindest ungewöhnlich, aus dem Mund eines Mannes zu vernehmen, den „belastetsten Berufsstand“ habe die Hausfrau. Landtagspräsident Wilhelm Johnen hat es in seiner Begrüßungsrede gesagt, die er vor wenigen Tagen auf der Konferenz des Müttergenesungswerkes in Düsseldorf gehalten hat. Ihm pflichteten alle anderen Redner bei.

Der Arbeitsphysiologe Professor Gunther Lehmann sieht schon allein in der körperlichen Schwerarbeit eine große Gefahr für die Frau, die sich unvermindert „überbelaste“. Er korrigierte die landläufige Meinung, daß Bödenschrubben und Saubermachen eben eine „typisch weibliche“ Beschäftigung sei: „Die Putzfrau, welche Büros und Arbeitsräume reinigt, übt einen der schwersten Frauenberufe aus.“

Professor Heinz Kirchhoff von der Universitäts-Frauenklinik in Göttingen wies die vorschnelle und meist unüberlegte Behauptung zurück, eine Frau mit Familie sei nur deswegen berufstätig, weil sie den Drang habe, „zu luxurieren“ und den Lebensstandard zu erhöhen. Er erinnerte an ein paar Zahlen, die zu wissen heute natürlich unbequem ist: In der Bundesrepublik leben 1,15 Millionen Kriegerwitwen; 2,8 Millionen Familien haben keinen Vater mehr. Das sind ein Viertel aller deutschen Familien. Wer sonst als die Frauen sollte hier für den Lebensunterhalt sorgen? Die Diagnosen der Ärzte lauten denn auch fast immer: hochgradige seelische und körperliche Erschöpfung. Wenn diese Frauen dann endlich die – immer noch viel zu seltene – Möglichkeit erhalten, drei Wochen lang in einem Heim des Müttergenesungswerkes auszuspannen, ist es für „normale Verhältnisse“ oft zu spät.