Von Adolf Frisé

Der vor einem Jahr erstmals verliehene Internationale Verlegerpreis, der 1961 Samuel Beckett und Jorge Luis Borges zugesprochen wurde, fiel in diesem Jahr an Uwe Johnson. Zu der von den Verlagen Seix Barral (Barcelona), Einaudi (Turin), Gallimard (Paris), Weidenfeld and Nicolson (London), Grove Press (New York), Rowohlt (Hamburg) und von skandinavischen, holländischen, kanadischen sowie portugiesischen Verlagshäusern eingeladenen Jury gehörten auf deutscher Seite wie schon im vergangenen Jahr Beda Allemann, Hans Magnus Enzensberger und Adolf Frisé. Die Juroren Walter Jens und Hans Mayer konnten auch in diesem Jahr an der Tagung des Preisgerichts auf Mallorca wieder nicht teilnehmen.

Zweifel schienen von Anfang an unangebracht: Die Wahl würde diesmal auf einen Deutschen fallen. Graß, Johnson, das waren die Stichworte vom vergangenen Jahr; an sie wurde wie selbstverständlich angeknüpft. Koeppen, Frisch, damals unsere Vorschläge, entsprachen nun nicht mehr der nochmals ausdrücklich dekretierten Copyright-Frist: drei Jahre zurück, mehr nicht (zehn Jahre zurück freilich bei Werken in einer anderen Sprache als Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Deutsch). Es hieß auch noch einmal unmißverständlich: kein Theaterstück, keine Poesie. Da Carlo Levi („Christus kam nur bis Eboli“) und mit ihm ein Spanier unerschrocken für „La force de l’age“ der Simone de Beauvoir plädierten, schloß Moravia überdies Memoiren, Autobiographien und so weiter aus. Dem Roman also, der Erzählung, nur dem Roman, nur (und auch ihr schon mit Zögern) der Erzählung ist dieser mit zehntausend Dollar ungewöhnlich stattlich dotierte Preis zugedacht. So wurde, unausgesprochen, deutlich, daß Borges und eigentlich auch Beckett Grenzfälle gewesen waren, Grenzfälle in einem übrigens doppelten Sinn: Autoren, die es nicht mehr durchzusetzen galt, und doch nicht wirklich Marktgrößen. Von ihnen geht der Weg nach vorn und rückwärts: Man kann sich gerade noch einbilden, man helfe sie erst wirklich erschließen, man kann aber auch argumentieren, hier werde, nobelpreisnah, die schon unangefochtene Leistung prämiiert.

Es war fraglos so etwas wie eine Scheidewegsituation: mit Johnson, so hörte man resümieren, bliebe eine permanente Möglichkeit offen. Die Tendenz setzte sich durch, weniger, zu bekräftigen als zu bestätigen, was noch der Bestätigung bedarf. Gewiß war das der tiefere Grund, warum Carson McCullers, nach Johnson zunächst unbestritten Favoritin, plötzlich schnell auf der Strecke blieb. Allerdings, da war der Makel ihres letzten (schwächeren) Romans („Clock Without Hands“), aber man zog auch, beinahe mit Passion, das Risiko vor: So gab bei den Franzosen François Erval den Ausschlag, Michel Butor, der die „Mutmaßungen“ im Italienischen las, trat ihm zur Seite, und so setzten sie allesamt auf diesen achtundzwanzigjährigen Mecklenburger. Bei den Italienern entschied Vittorini ebenso: vehement, liebenswert. Er sprach nur dieses eine Mal. Jede Jury hatte, als es darauf ankam, eine Stimme; mit den Skandinaviern, die sich nun auch aktiv (mit dezidierten Analysen) dazugesellten, gab das sieben Voten. Fünf entfielen auf Johnson, der Rest auf McCullers. Ein einziger Wahlgang, kein Zwang (wie voriges Jahr) zu einem, wenn auch für beide Teile ehrenvollen, Kompromiß.

Zuvor war zweimal getestet worden. Graß, Robbe-Grillet, Giorgio Bassani lagen dichtauf, und daneben behaupteten sich die Schwedin Sara Lidman, die Spanierin Anna Maria Matute, der Inder V. S. Naipaul (der Geheimtip der Engländer), Claude Simon, Katherine Anne Porter („Ship of Fools“), Saul Bellow, Pier Paolo Pasolini, für den Moravia nicht minder unwiderstehlich stritt als im April 1961 für Carlo Emilio Gadda (der diesmal nicht mehr fristgerecht war). Aber es war wieder nicht allein die Entscheidung, um deretwillen man sich traf. Kaum ein Hauch jedenfalls von Kampfstimmung. Flüchtig nur, als Auftakt, der reizvolle französische Prinzipiendisput: Robbe-Grillet oder Simon (hier das Rezept des Theoretikers, dort das schon gegebene Exempel für eine neue Dimension des Erzählens), und unversehens warf das den einen wie den anderen aus dem Gespräch. Bei den Italienern, den Spaniern, den Amerikanern fächerte sich das Bild jeweils noch breiter auf. So trat man erneut beredt ein für Carlo Cassola, für Pratolini, auch für Testori, Oreste del Buono, wieder für Carpentier, für Miguel Delibes, neu für Isherwood, Bernard Malamud, für Styron, Updike und wieder für Salinger. Es gab oratorisch eindrucksvolle Minuten, als der kleine zierliche Baldwin in improvisierter und doch wohlgesetzter Rede sich zu seiner Lehrmeisterin Porter bekannte, als Angus Wilson ein Huldigungstelegramm an den greisen John Cowper Powys anriet, als Dominique Aury von der Nouvelle Revue Française ihm später, nahezu rügend streng, beipflichtete, als endlich ein ebenfalls an Powys gemahnender Brief verlesen wurde, den Henry Miller, erkrankt, aus seinem Hotelzimmer herüberschickte. Außenseiter wurden vorgestellt, gerühmt: so von uns Heissenbüttel, Peter Weiss, Gombrowicz. Der Türke Yasar Kemal bekam seinen ebenso nachdrücklichen Steckbrief wie die Japaner Yukio Mishima und Tanazaki. Angelo M. Ripellino, Slawist an der Universität von Rom, interpretierte wieder Polen, Russen, dazu den Tschechen Jiri Fried.

Etwa vierzig Juroren. Fünfundfünfzig im ganzen waren nominiert. Barprognosen, Strandkontakte: vier, fünf Tage traten die Weltprobleme vor denen der Literatur zurück. Das Hotel „de Lujo“, die exklusive Bucht: sie dürfen nicht mehr sein und sind auch auf einmal nichts als Kulisse. Eine Quarantäne, die unvermutet produktiv wird, Fairneß provoziert, Eitelkeit sich zersetzen läßt. Giromannschaften oder lose verbundene Einzelgänger: die Unterschiede verwischen bald. Man trifft sich in der Lust an der Dialektik, in der Neugier auf den schlüssigeren Beweis.

Aber es gibt unübersehbar auch das Problem der Manipulation. Es stellt sich mit dem anderen hier vergebenen Preis, dem Prix Formentor, über den die Verleger bei gleicher Gelegenheit bislang allein entschieden. Er ist – man gesteht es ein – nicht tatsächlich ein Preis, sondern, mit seinen ebenfalls zehntausend Dollar, nur ein Vorschuß auf den erhofften Welterfolg. Kann man das errechnen, organisieren, dem alle Wege ebnen? Dreizehn Verlage in dreizehn Ländern: das weist auf eine anscheinend bestechende Kalkulation. Aber hier gab es diesmal, hinter verschlossenen Türen, die größere Sorge, die heftigere Diskussion. Ein Manuskript, vorzeitig ins Scheinwerferlicht gerückt, wird einer bösen Gefahr ausgesetzt. Literatur fabriziert sich, auch heute, nicht programmgemäß. Man könnte es inzwischen vergessen haben, aber der Fall Johnson, obwohl Streit und dadurch gesteigerte Publizität ihn zusätzlich exemplarisch machten, ist immerhin auch hier eine Lehre: Dem Start dieses jungen Autors vor drei Jahren ging kaum mehr als die geheime Erwartung einiger weniger Freunde voraus.