Von Irene Zander

Über hundert Jahre lang waren die Einwohnerzahlen der großen Städte gestiegen. Seit der Mitte unseres Jahrhunderts aber beobachten die Statistiker eine rückläufige Entwicklung. Das Tempo des Wachstums ließ nach. In Paris stagnierte die Einwohnerzahl, in London sank sie sogar: um 30 000 von 1948 bis 1954.

Es lag nahe, diese Statistiken im Sinne eines weitverbreiteten Wunschtraums zu deuten und daraus ein baldiges Ende städtischen Wachstums zu prophezeien. Dieser Optimismus erwies sich jedoch als Trugschluß. Genau das Gegenteil stimmte: London war weiter gewachsen.

Sinkende Einwohnerzahlen deuten heute nur darauf hin, daß das Wachstum der Stadt in eine neue Phase getreten ist. Ihre statistischen Kennzeichen: abnehmende Bevölkerung bei gleichzeitig steigender Zahl der Arbeitsplätze im Stadtgebiet und Bevölkerungszunahme in den Randgebieten. Diese Phase tritt überall dort ein, wo innerhalb der Stadtgrenzen kein Bauland mehr verfügbar ist – anfangs nur in den größten Städten der Erde, heute auch schon in Stuttgart und Hannover.

Am Beispiel Londons erkennt man am besten das Ausmaß dieses Wachstums. Während nämlich die Zahl der Einwohner um 30 000 sank, nahm die Zahl der im Stadtgebiet Beschäftigten um 228 000 zu. Da zu jedem Arbeitsplatz eine sogenannte Mantelbevölkerung von 2,2 Personen gehört (meist Familienangehörige), war die Londoner Bevölkerung in Wirklichkeit um etwa 550 000 gewachsen. Nur hatte diese Gruppe innerhalb des eigentlichen Stadtgebietes keinen Raum mehr gefunden und war in die Vorstädte gezogen.

In Deutschland liegt eine einzigartige Untersuchung über den „Strukturwandel der Großstadt“ vor. Sie wurde von Klaus Müller-Ibold Im Auftrage des Stadtplaners von Hannover, Rudolf Hillebrecht, durchgeführt. Die landläufige Auffassung, daß die Industrie wie schon am historischen so auch am neuesten Wachsen der Stadt schuld sei, erwies sich als falsch. Aus der Betrachtung der Statisik und des Sadtbildes wird deutlich, daß die moderne Großstadt keine Industrieballung mehr ist. Ganz von selber zogen große Werke mit ihren Produktionsstätten aufs Land. Dieser Trend wird von der Landesplanung nach Kräften unterstützt. Beispielsweise hat die Firma Bosch in den letzten Jahren fünf Nebenwerke im Umkreis von Stuttgart errichtet – das neueste 120 Kilometer entfernt.

Von den industriellen Arbeitsplätzen der Bundesrepublik liegen nur etwa 50 Prozent in Ballungsräumen. Nicht der Schornstein, sondern der Schreibtisch ist das Schicksal der Stadt. Am Beispiel Hannovers wurde nachgewiesen, daß die Zahl der industriellen städtischen Arbeitsplätze von 1927 bis 1958 um 5,5 Prozent (von 32,5 auf 27 %) gesunken ist. Zur gleichen Zeit nahm jedoch die Zahl der Beschäftigten in anderen Wirtschaftsgruppen – in den sogenannten Dienstleistungsgewerben – zu: um 6 Prozent (von 40 auf 46 %).